Viele Vogtländer bei Rammstein in Chemnitz dabei

 

Chemnitz - Weiß Gott: Engel sind sie keine, die Jungs von Rammstein. Aber sie werden auch nicht mehr verteufelt. Sie sind gesellschaftsfähig geworden. Und mit ihnen ihre Musik. Was nicht nur daran liegt, dass sie mit Abstand Deutschlands erfolgreichster Exportschlager - über 40 Konzerte in Europa in über 40 ausverkauften Hallen allein bei dieser Tour - in Sachen Musik sind.

 

Nein. Die Gesellschaft hat sich gedreht, ist offener geworden und kann mit den Texten des Quintetts umgehen beziehungsweise ist ihr Ausdruck salonfähig geworden. Till Lindemann und sein rollendes "R" ist inzwischen das Markenzeichen der Band. Ein Deutsch wie es klarer kaum geht. 10 000 begeisterte Fans aller Alters- und Sozialschichten konnten sich am Mittwochabend in der Chemnitzer Messehalle davon überzeugen und beweisen auch damit, die Berliner in keine Schublade zu stecken und schon gar kein Sprachrohr der rechten Szene.

 Laut, brachial, gewaltig - so servierten Rammstein ihr Abendmahl. "Es tat gar nicht weh" - und bereits beim Support "Combichrist" wurde mit kraftvollem Aggrotech die ausverkaufte Halle zum Kochen gebracht. Einige versteckte Klangsplitter der Norweger, ließen sogar Erinnerungen an die Hochzeiten der Band Front 242 aufkommen. Nachdem die Schweißperlen nach dem ersten Akt getrocknet waren schritten die Jungs um Till Lindemann zur Tat. Ganz getreu "Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit?". Die Berliner boten eine feuerheiße Show mit viel Platz für Interpretationen, Emotionen und Erinnerungen. Jeder Pyromane wäre von der Bühnenshow hellauf begeistert und atemlos.

 Mit dem ersten Ton von Rammstein stand die Halle Kopf, wurden die Fans zu einer homogenen, textsicheren Masse. Anarchisch, brutal und perfekt auf den Punkt inszeniert erlebte man harten Rock, Industrial und Metal. Die musikalisch raue Kost wurde wie gewohnt mit einem optischen Spektakel, Texten zum Nachdenken so heiß, wie frisch aus dem Ofen, den Fans serviert. Während Nebelschwaden auf die Bühne zogen, war mit "Rammstein" als zweites Lied die Marschrichtung vorgeben. Schlichte Arrangements, die so einfach wie genial sind.

 Die Show um den gelernten Feuerwerkstechniker Lindemann ist und bleibt einfach einmalig. Funkenteppiche von der Decke, harte metallische Konturen, Gitarrensoli mit Flammenwerfern und jedes Mal eine warme Druckwelle, die selbst auf den Rängen zu spüren war. Eine Schaumdusche passend zum Song "Pussy", in dem die heutige Trendgesellschaft so herrlich sarkastisch besungen wird, wie es wohl niemand mehr schafft. Ob eine komplett, im roten Licht versinkende Arena zu "Frühling in Paris" oder in einem warmen, feurigen Gelb als die "Sonne" kam - die Optik zum Sound passt bei Rammstein wie die Faust aufs Auge. Weit weg von negativen Schwingungen erstrahlten "Links 2 3 4", "Benzin" oder "Haifisch" mit dem obligatorischen Schlauchboot-Ritt über das Publikum.

 Eine Band mit Ecken und Kanten, kritische Texte mit viel Raum für Doppeldeutigkeit und in fast jeder Zeile kontroverse, schambesetzte Themen. Die Texte sind zu Recht umstritten, die einmalige Show aber sicherlich nicht. Und was hatte sie für ein Finale: Engel. Der Höhepunkt von 100 Minuten geballter Kraft. Gott weiß, die Rammstein-Männer wollen keine Engel sein. Sie sind aber auf dem Weg dorthin, da ihre Fangemeinde sie schon längst heilig gesprochen hat.

 

Von Thomas Narrendorf