Viele Ursachen für Katastrophe

Das schwerste Unglück in der Rüstungsindustrie des deutschen Kaiserreiches während des Ersten Weltkrieges ereignete sich am 19. Juli 1918 in Plauen. 301 Menschen, vor allem junge Frauen, erlitten einen furchtbaren Tod. Mit einem profunden Vortrag und einem Film wurde an die Katastrophe erinnert.

Von Lutz Behrens

Plauen - Was führte zu dem verheerenden Brand in der Plauener Munitionsfabrik der AEG mit seinen zahlreichen Opfern? Vor allem eine Antwort auf diese Frage stand im Zentrum des Vortrages von Gerd Naumann, seit wenigen Tagen ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Vogtlandmuseums; gehalten in der Kapelle des Friedhofs II, initiiert vom Verein der Freunde Plauens und unterstützt von der Stadt Plauen
Die Antwort ist komplex. Es mischen sich Militärpolitik, vernachlässigte Grundkenntnisse in Chemie, Arroganz, Banales wie heißes Wetter und der Druck, immer mehr in immer kürzerer Zeit zu produzieren, zu einem explosiven Gemisch. Direkte Kausalitäten mit nur einer Ursache finden sich, wie so oft im Leben, eher nicht.
Als entscheidend für den Brand, dessen Hitzeentwicklung an die 2000 Grad erreichte ("Das atmet man einmal ein, dann ist man tot."), lässt sich wohl die Produktionserweiterung eruieren: vormals auf schlichten Nähmaschinen zusammengenähtes Plattenpulver für leichte Wurfminen wird ergänzt durch Treibladungen für mittlere und schwere Wurfminen. Zu diesem Zwecke mussten die Frauen aus Naturseide (auch als Schießbaumwolle bekannt!) bestehende Stoffbeutel mit Schwarzpulver füllen, zunähen und mit den Platten aus Dynamit mittels Heftklammern zusammenstecken. Angenommen wird eine Selbstentzündung des Schwarzpulvers nachdem sich die Schießbaumwolle zersetzte; es folgte die Verpuffung des Plattenpulvers mit verheerenden Folgen.
Nur ahnen lässt sich, was passierte als sich die Feuerwalze ausbreitete. 584 Beschäftigte hatte der Betrieb, der im dreistöckigen Eisenbetongebäude des 1910 errichteten Glühlampenwerkes ab August 1917 im "Akkordsystem übelster Art" (nach dem Bericht eines Feuerwerks-Hauptmanns vom 21. Juli 1918) produzierte. Die Türen der Notausgänge blieben verriegelt oder verschlossen, weil niemand in der Panik daran dachte, die in Glaskästen hängenden Schlüssel herauszunehmen und aufzuschließen. Flucht durchs Fenster verhinderten durch Dornverschluss dauernd verschlossene Kastendoppelfenster und Gitter.
In rund 30 Minuten gelang es Gerd Naumann, das Wesentliche dieser Katastrophe auch anhand von Fotos und Tabellen den zahlreichen Besuchern deutlich zu machen.
Am 23. Juli 1918 fanden die meisten Opfer in einem Ehrengrab auf dem Plauener Hauptfriedhof die letzte Ruhe. An dieser Grabstelle mit Gedenkstein, die mit den auf Platten festgehaltenen Namen der Gestorbenen umgeben ist, beginnt ein Film, vom MDR-Fernsehen in der Reihe Spur der Ahnen produziert. Wir begleiten eine junge Frau, Anna-Sophie Naumann, die am Grabgeviert einen Namen liest: Anna Glück. Der Film verfolgt nun die spannende Recherche nach dem, was über das Unglück noch in den verschiedenen Archiven aufzufinden ist. So hat zum Beispiel das Archiv der (inzwischen nicht mehr existierenden) AEG, aus welchen Gründen auch immer, keinerlei Unterlagen mehr über dieses Ereignis der Superlative. Es gelingt aber Anne-Sophie Naumann, in Plauen eine Verwandte von Anna Glück ausfindig zu machen, und der Film endet mit der berührenden Geste, dass die beiden Frauen eine Rose am Grab von Anna Glück ablegen.
Zu sehen sind im Film auch das marode Gebäude und die desolaten Innenräume der ehemaligen Kartuschieranstalt, später viele Jahre als Produktionsstätte des VEB Damenkonfektion Plauen genutzt. Die Fabrikruine dämmert inzwischen - ohne jeglichen Hinweis auf das, was hier am 19. Juli 1918 geschah - dem wohl unvermeidlichen Abbruch entgegen.