"Vergnügen? Eine Ehre!"

Das war‘s: Daniela Hommel-Kreißl tritt als Bürgermeisterin der Gemeinde Pöhl ab - nach acht Jahren. Zum Abschied gibt sie ein Interview rund um das Ehrenamt als Vollzeitstelle und das Verhältnis zu ihren Mitarbeitern, zu Erfolgen ihrer Amtszeit und Fehlern; kurzum, es geht um die Frage: Wie war‘s?

Pöhl/Jocketa -  Unter Bürgermeisterin Daniela Hommel-Kreißl wurde seit 2012 eine Menge erreicht - siehe Kasten. "Ich bin stolz auf das Erreichte", sagt die 49-Jährige im Gespräch mit dem Vogtland-Anzeiger. "Die Arbeit als Bürgermeisterin der Gemeinde Pöhl war nicht immer ein Vergnügen, aber sie war mir immer eine große Ehre!"

Frau Hommel-Kreißl, was war das größte Problem Ihrer Amtszeit?
Es gab drei. Das erste sind die heute nicht mehr ganz 2 Millionen Euro Altschulden aus der Zeit des DDR-Wohnungsbaus in Jocketa und Herlasgrün. Bei Sanierungsmaßnahmen Mitte der 1990er Jahre waren zudem Fördermittel falsch eingesetzt worden, mussten zurückgezahlt werden. Für die enorme Zinsforderung aus 16 Jahren wurden wie für die unwirtschaftliche Fernwärmetrasse Jocketa gute Lösungen gefunden.

Und das zweite Problem?
Pöhl hat 2650 Einwohner in zwölf Ortsteilen. Das heißt: Wenig Einwohner, wenig Schlüsselzuweisungen - viel Fläche, hohe Instandhaltungs- und Bewirtschaftungskosten. Michael Kretschmer hat als erster sächsischer Ministerpräsident das Problem erkannt: Die 70.000-Euro frei einsetzbares Geld pro Jahr und Kommune sind eine Reaktion darauf. Man darf nicht nur die drei Leuchtturm-Städte entwickeln, auch die kleinen Gemeinden mit ihren Ackerflächen sind wichtig: Die Sachsen wollen ernährt werden. Man muss ein Gleichgewicht finden.

Was war das dritte Problem?
Pöhl hat eine Gemeindeverwaltung mit bis 40 Mitarbeitern. Die Bürgermeisterin arbeitet ehrenamtlich. Wie soll jemand führen, der woanders arbeitet? Ich war deshalb große Teile meiner ehrenamtlichen Amtszeit wie in einer Vollzeitstelle tätig - mindestens. Dabei habe ich anfänglich die Hälfte der Summe als Aufwandsentschädigung erhalten, die meine Sekretärin als Gehalt bekam. Das wurde mittlerweile verbessert. Die Ehrenamtlichkeit blieb - so wollte es der Gemeinderat.

Ist das der Grund, warum Sie jetzt nicht wieder zur Wahl angetreten sind?
Viele haben das nicht verstanden. Doch mir hat die von mir im Herbst 2019 gewonnene und später für ungültig erklärte Wahl gezeigt, dass die Aufgaben einer Bürgermeisterin in Pöhl im Ehrenamt nicht verantwortbar sind: Ohne dass der Gemeindewahlausschuss oder ich dies bemerkten, waren die Wahlunterlagen meiner Gegenkandidaten widerrechtlich nach Fristablauf vervollständigt worden, was zur Annullierung der Wahl führte. Wenn das bei einer Wahl passieren kann, ist es auch bei anderen Dingen möglich. Und dafür haftet immer die Bürgermeisterin.

Sie als ehrenamtliche Bürgermeisterin stehen sprichwörtlich mit einem Bein im Gefängnis?
Das kann man so sehen. Es wird in puncto Verantwortung nicht zwischen ehrenamtlichem und hauptamtlichem Bürgermeister unterschieden. Aber letztlich bin ich auch froh, künftig ohne unfaire Attacken und Lügen meiner Gegner zu leben: Das gemeinsame Bemühen vieler, eine Abwasserlösung für Helmsgrün mit einer Gebührenzahler neutralen für den FKK-Strand und die Schlosshalbinsel an der Talsperre zu verbinden, haben meine Gegner hintertrieben. Viele Helmsgrüner waren in Angst, dass die Touristenzahlen explodieren, wenn es ordentliche Toiletten auf dem FKK gibt. Das wäre so wohl nicht gewesen, aber es war eine vertane Chance, ein Problem zu lösen.

Fühlen Sie sich auch ungerecht behandelt in Bezug auf Ihr Engagement für ein Industrie- und Gewerbegebiet in Herlasgrün?
Nicht alles, was nach meiner Auffassung der Entwicklung der Gemeinde gut getan hätte, fand die Zustimmung der Gemeinderäte und/oder der Bürger. Mit einem Gewerbegebiet würde sich die Einnahmesituation der Gemeinde verbessern. Der Bau eines Alten- und Pflegeheimes in Jocketa war übrigens genauso wenig gewünscht.
Was war der größte Fehler Ihrer Amtszeit?
Den Kindergarten von der Arbeiterwohlfahrt wieder in Regie der Gemeinde zu nehmen. Damals gab es keine andere schnelle Lösung für die Probleme zwischen Belegschaft und Geschäftsführung des Trägers. Aber mein Ehrenamt war schwer belastet, allein schon zeitlich, wenn man nur die vielen Personalprobleme sieht.

Wo geht die meiste Zeit als Bürgermeisterin drauf?
In der Verwaltung und in der Außenvertretung. Allein eine Fahrt nach Dresden, ins Ministerium, dauert mindestens sechs Stunden - zwei hin, zwei dort, zwei zurück. Egal, ob die Bürgermeisterin haupt- oder ehrenamtlich ist. Wer Fördermittel will, muss dicke Bretter bohren und hartnäckig sein...

Das stimmt: Sogar Ihre Gegner sagen: Hommel-Kreißl hat sehr viele Fördermittel herangeschafft und eine Menge bewegt...
...Fahrten zur Landesdirektion kommen dazu, zum Sächsischen Städte- und Gemeindetag, Dienstgänge ins Landratsamt, viele Personalgespräche.

Das ist das Stichwort: Mancher kritisiert Ihren Umgang mit Angestellten der Gemeinde: Keiner von denen sei heute noch im Amt, der bei Ihrem Amtsantritt Dienst getan hat. Was sagen Sie?
Für Kita und Bauhof stimmt das so nicht. Aber viele in der Verwaltung haben das Rentenalter erreicht. Eine Mitarbeiterin wollte näher am Wohnort arbeiten, eine andere ging, weil sich ihre Arbeitsaufgaben nach gesetzlichen Vorgaben umfassend verändert hatten. In einem Fall hat der Verwaltungsausschuss eine fristlose Kündigung ausgesprochen.

Was war Ihnen als Bürgermeisterin besonders wichtig?
Die Kinder. Ich bin dankbar, dass die verschiedenen Gemeinderäte mich stets unterstützt haben im Bemühen, sowohl den Kindergarten als auch die Grundschule ständig zu modernisieren. Froh bin ich auch über die Verbesserungen, die mit dem Zweckverband an der Talsperre Pöhl erreicht wurden.

Sie treten ab. Welche Maßnahmen, die Sie angeschoben haben, greifen in (naher) Zukunft?
Dazu gehört die Anschaffung eines Löschfahrzeuges für die Feuerwehr Jocketa genauso wie der Bau eines Teilstücks der Christgrüner Straße oder der Straße Am Teich in Herlasgrün. Die Fördermittel dafür sind bewilligt. Der Breitbandausbau wird dieses Jahr voraussichtlich abgeschlossen.

Wem oder für was sind Sie dankbar?
Ich bin dankbar für alles ehrenamtliche Engagement in Vereinen, Kirchgemeinden und Feuerwehren, für alle Unterstützung durch Gemeinderäte, Behörden, Landtags-, Bundestagsabgeordnete und natürlich die Angestellten der Gemeinde. Es ist nicht allen leicht gefallen, mit meinem Tempo mitzuhalten. Aber auch für manchen Rat erfahrener Bürgermeister bin ich dankbar - vor allem Heinrich Kohl, dem OB von Aue-Bad Schlema.

Welche Aufgaben muss Ihr Nachfolger, Erik Jung, lösen?
Es liegt mir fern, Aufgaben zu beschreiben. Die Probleme - altes Umspannwerk, Bebauungsgebiet Vogtländische Schweiz, Loreley, Radwegebau, Mittelschulgebäude, Straßensanierung - kennt er. Ich wünsche ihm alles Gute, Durchhaltevermögen und starke Nerven.

Die Gemeinde Pöhl ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Würde Eingemeindung helfen, zum Beispiel nach Treuen?
Eine Fusion ist nach meiner Meinung keine Lösung für die Gemeinde, denn es kommt dadurch kein Euro mehr in die Gemeindekasse. Ein Altschulden-Erlass würde helfen. Und eine umfassende Änderung der Kommunalfinanzierung.

Was werden Sie beruflich tun?
Ich leite seit 2019 das Bürgerbüro eines Thüringer Landtagsvizepräsidenten. Ehrenamtlich bleibe ich engagiert - im Vorstand des Leuchtturmvereins, im Netzschkauer Kirchenvorstand, im Kleingeraer Rittergutsverein und in meinem Wohnort.