Verfolgt, verschwiegen, verehrt

Wohl über keinen der Oelsnitzer Geschichte hat sich der politische Daumen so oft gehoben und gesenkt wie über Georg Dittmar (1888 bis 1945). Jetzt erinnert wieder eine Gedenktafel an den kommunistischen Stadtverordneten-Vorsteher von Oelsnitz, der in Opposition zu den stalintreuen Genossen der KPD stand und im KZ starb.

Von Renate Wöllner

Oelsnitz - Von der Alten Reichenbacher Straße, wo sie bis in die Wendezeit von Dittmars letzter Wohnadresse zeugte, ist die Tafel nun an die Hauswand der Wiesenstraße 9 "gewandert". Gäste haben sich dort am späten Donnerstagnachmittag eingefunden. Baldachine sind für sie gespannt, denn es ist grau und nieselig. OB Mario Horn hat "30 Jahre nach dem ungeklärten Verschwinden der 2018 wieder entdeckten und inzwischen restaurierten Gedenktafel" zu deren Enthüllung eingeladen. Dittmar habe in dem Haus 1906 gewohnt Das Tuch lüften dürfen Hausherr Hans-Jochen Schleizer, Helmut Baumann, Dittmars Enkel aus Potsdam, und der Oelsnitzer Eckehard Brückner - den Horn als Initiator der Ehrung würdigt. Dazu passt die Musik der beiden Trompeten, die Max-Martin Ketzel und Oliver Fengler von der Stadtkapelle spielen.
Der Festredner, der Journalist Ronny Hager, spricht von einem Glückstag für Oelsnitz. Georg Dittmars werde gedacht nicht weil oder obwohl er Kommunist war, sondern eine prägende Gestalt in den Auseinandersetzungen seiner Zeit, in der es um die Freiheit des Andersdenkenden ging.
Ein Glücksumstand sei die Rückkehr der Gedenktafel, die im Keller von Ulrich Lupart überdauert habe. Über ihr Verschwinden könne nur er erzählen. Der AfD-Lokal- und Landespolitiker ist derzeit im Urlaub. Die Wiederkehr der Tafel an ihren ursprünglichen Ort in der Alten Reichenbacher Straße habe der Hauseigner nicht gewollt, weil er Schmierereien an dem gerade sanierten Gebäude befürchtet. Hans-Jochen Schleizer dagegen empfinde die Wahl seines Hauses zum Gedenkort als Ehre. "Oelsnitz hat sich mit Dittmar schwer getan", erklärt Hager die Ehrungsversuche mit Georg-Dittmar-Straße(von 1945 bis 1952) und Georg-Dittmar-Grundschule (am Stadion), die sang- und klanglos wieder kassiert wurden.
Interessiert lauschen die Gäste dem Ausflug in die Geschichte der Stadt, die mit ihrem 1880 gegründeten Teppichwerk Koch & te Kock "attraktiv war für Zugereiste" - auch für den am 8.8.1888 in Leupoldsgrün gebürtigen Weber Georg Dittmar, der sich in der spannungsgeladenen Zeit früh politisiert habe. Der Mitgründer der KPD-Ortsgruppe von Oelsnitz ist 1921 einer von vier erstmals ins Stadtparlament gewählten Mitgliedern der Partei und wird 1926 Stadtverordneten-Vorsteher. Unter Otto Bachmann, "dem ersten kommunistischen Bürgermeister einer deutschen Stadt", wird der Oelsnitzer Rat von einer Mehrheit linker Kräfte aus KPD und SPD dominiert.
In den massiven Auseinandersetzungen der KPD um eine realistische Faschismus-Analyse und die Selbstständigkeit gegenüber der KPdSU bezog Dittmar Stellung gegen die stalinistische Linie der Parteiführung unter Ernst Thälmann. Er ist mit seiner Frau Martha maßgeblich beteiligt an der Gründung der Oelsnitzer Ortsgruppe der KPD(Opposition) - nachzulesen bei Theodor Bergmann in seinem Geschichtswerk "Gegen den Strom". Die Einheit der linken Kräfte in Oelsnitz zerbricht.
Helmut Baumann, Jahrgang 1940, ist der Sohn von Dittmars Tochter. Die Ehrung empfindet er als wichtige Korrektur des Geschichtsbildes seines Großvaters, an den er sich aus früher Kindheit als herzlichen und fürsorglichen Mann erinnert. "Die Familie hatte ständig Angst vor Verhaftung und Gestapo", erzählt er. Bis 1939 steckt Dittmar mehrfach in Haft, ab Juni 1944 bei der Gestapo in Plauen, im KZ Oranienburg und im KZ Bergen-Belsen, "wo er im April 1945 umkommt", schreibt Bergmann. Der Wissenschaftler misst der Rolle der KPD(O) große Bedeutung zu. Deren Strategie "hätte ein Beitrag dazu sein können, die große historische Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung 1933 mit all ihren furchtbaren Folgen noch abzuwenden".
Aktives Geschichtsbewusstsein soll in Oelsnitz weiter gepflegt werden. Zwei Gedenkorte werden für Opfer des nationalsozialistischen Terrors gegen das Vergessen gestaltet, kündigte Brückner an.