Vater der Mundharmonika-Spatzen

24 Schneeflöckchen aus der Drechslerei Kuhnert Rothenkirchen verbergen sich hinter den Türchen unseres Adventskalenders. Alle erzählen eine Geschichte. Diesmal geht es um den Vater der Mundharmonika-Spatzen.

Von Helmut Schlangstedt

Klingenthal - "Wenn du fleißig übst, schenke ich dir eine schöne Mundharmonika!", sagte Anfang der 1950er Jahre Frau Schunk, Mundharmonikafabrikantin aus Brunndöbra, zum damals fünf Jahre alten Jürgen Just, der gerade auf einer ganz einfachen und billigen Mundharmonika zu spielen begann. Das war für den Jungen ein mächtiger Ansporn, und eines Tages bekam er das versprochene Instrument, eine große lange Mundharmonika mit vier Tonarten. Das Tascheninstrument sollte ihn weiterhin begleiten, denn 1961 begann er in der Vermona, der heutigen C.A. Seydel-Fabrik, eine Lehre als Mundharmonikabauer. Wegen seiner musikalischen Fähigkeiten arbeitete er dort danach als Endkontrolleur und Musterbauer. Schon in seiner Lehrzeit spielte er gerne vor Publikum und wollte mit einigen Erwachsenen ein Quartett zu bilden, doch leider scheiterte dieser Versuch. Vielleicht hätte er es mit Schneeflöckchen versucht? Denn auch wenn man es nicht glauben mag, jazzige Klarinette und bluesige Mundharmonika harmonieren ganz prima miteinander. Doch so blieb es für viele Jahre bei Solo-Auftritten, jedenfalls bis zum Jahr 2001. Damals reiste man auf Einladung des dortigen Museumschefs, nach Trossingen, wo einige Jugendliche als Quartett auftraten. Das brachte Jürgen Just auf die Idee, in Klingenthal etwas ähnliches auf die Beine zu stellen und Kindern in der Gruppe das Spielen auf der Mundharmonika beizubringen. In Gesprächen mit der Stadt und der C.A. Seydel-Fabrik fand er große Unterstützung. Von dem war auch die Direktorin der August-Bebel-Schule in Sachsenberg, Regina Thomae, begeistert. Sie rührte fleißig die Werbetrommel, und so konnte Jürgen Just kurze Zeit später die erste Übungsstunde mit 17 Kindern im Alter von 7 bis 10 Jahren, absolvieren. Keines hatte zuvor Mundharmonika gespielt. Um es ihnen beizubringen, entwickelte er ein eigenes System, das später sogar von C.A. Seydel übernommen wurde. Die ersten Proben verliefen recht erfolgreich. Schon wenige Monate später traten die Kinder, die sich nun Mundharmonika-Spatzen Klingenthal nannten, erstmals in der Aula der Schule mit drei Liedern zur Weihnachtsfeier auf: "Schneeflöckchen", "Morgen kommt der Weihnachtsmann" und "Alle meine Entchen". Erster bedeutender Auftritt außerhalb Klingenthals mit nunmehr 25 Kindern fand im Neuberinhaus in Reichenbach vor einem begeisterten Publikum statt.


2003 gesellten sich auf Initiative des Schuldirektors Hubert Melzig noch einmal rund 25 Kinder aus Hammerbrücke hinzu. Geprobt wurde getrennt in den Schulen. Der erste große gemeinsame Auftritt mit knapp 50 Kindern erfolgte 2004 in der Rundkirche.
 Ab 2007 kamen jährlich immerhin 12 bis 16 Auftritte zusammen, so in der Stadt bei Festen, regelmäßig zu Muha-Live, zum Weihnachtsmarkt oder beim Schwarzbeerfest. Aber auch im gesamten Vogtland gab es Auftritte, wie in Plauen, im Markneukirchner Pflegeheim, mehrmals beim Tag der Vogtländer und beim Tag der Sachsen in Reichenbach. Selbst in Friedrichroda in Thüringen gab es einen Auftritt und zweimal sogar in Graslitz.


Auch wegen der Schulpolitik fielen die Hammerbrücker Kinder weg. Dafür wurden die Spatzen anderweitig verstärkt, und zwar durch fünf Erwachsene bei Proben - als Begleitung mit Gitarren, Mundharmonikas und Schlagzeug, was den Auftritten eine neue Qualität verlieh. Das Repertoire umfasst neben bekannten Lieder heute ebenso Schlager und Evergreens, derzeit 84 Titel, darunter sogar eigene.


Einige der Spatzen sind der Musik treu geblieben. So etwa Max Gerisch, der sich auf irische Musik spezialisiert hat. Oder Steve Müller, der zur heute schon recht bekannten C.A. Seydel Group gehört. Und Emanuel Wohlrab organisierte ein großes Gospelprojekt in der Rundkirche. Rund 25 Spatzen betreut Jürgen Just, derzeit, der 73 Lenze zählt und auch den Eltern seiner "Spatzen" großen Dank ausspricht. Etwa mit Transportfahrten, aber auch mit materieller Hilfe, waren und sind sie immer eine große Stütze, ohne die 17 Jahre Mundharmonika-Spatzen niemals möglich gewesen wären. Für seine Verdienste um die "Spatzen" erhielt Jürgen Just im Jahr 2013 den Bürgerpreis der Stadt und 2016 die Auszeichnung "Stein im Brett" des Vogtlandkreisjugendrings.