Ungarischer Staatshund plötzlich in Markneukirchen

Erstaunt blickte Jürgen Seidel vor fast einem Jahr, als er auf seinem Grundstück der Bergstraße 40 einen Schäferhund sitzen sah. Der hatte sich einstweilen an den Gelben Säcken zu schaffen gemacht, wohl um etwas Fressbares zu finden.

"Na Rex, bist du von daheim ausgebüxt", fragte der Markneukirchener den Vierbeiner, im festen Glauben, es handle sich um den Rüden Rex seiner Nachbarn namens Wagner. Nahm also das Halsband und führte ihn zu dessen Zwinger. Dort angekommen, rieb sich der Vogtländer jedoch erstaunt die Augen. Denn der vermeintliche Rex saß schon treu und brav im Zwinger, argwöhnisch äugend, wem ihm da sein Nachbar wohl in den Zwinger setzen wollte.

Irritiert schaute sich Jürgen Seidel nun den Fundhund genauer an und bemerkte, das dieser kein Rüde, sondern eine schöne Hundedame war. Nun war guter Rat teuer, wem diese Schönheit wohl gehört. So lief der Fleischermeister in Rente flugs den Ort ab und fragte sich durch. Aber keinem Anwohner fehlte ein Tier. Anhand der Ohrmarkierung wurde dann bei Tierärzten der Region und im Internet nach der Herkunft recherchiert. Vom Deutschen Schäferzuchtverband bekam Seidel schließlich die Nachricht, das es sich um einen slowakischen oder ungarischen Staatshund handeln müsse. Kein einfacher Umstand, denn diese Länder nehmen ihre Hunde auf Grund hoher Quarantänekosten nicht zurück.

Aber im eigenen Heim der Seidels konnte Dame Rex vorerst auch nicht bleiben. Wollte die Familie doch keinen Hund, obwohl Jürgen als junger Mann Hunde abrichtete. Aber Ehefrau Gretel wurde früher von einem Vierbeiner gebissen und war in dieser Angelegenheit sehr vorsichtig. "Da musst du dich bei ihr wohl sehr einkratzen", flüsterte der Fleischer seiner Rex, die diesen Namen aufgrund der ursprünglichen Verwechslung behielt, ins rechte Ohr. Und als ob sie ihn genau verstand, legte sich die Hündin sogleich vor des Gretels Füße auf den Rücken, was die Vogtländerin wiederum natürlich schwer beeindruckte. So war das Eis gebrochen und noch am gleichen Tag ward eine Versicherung abgeschlossen. Eine Hundehütte als Schlafplatz war jedoch nicht sofort zur Hand. Aber auch dieses Problem löste sich schnell. Denn auf die Frage: "Wo willst du schlafen", "antwortete" die schöne Ungarin mit einem Gang vor die Tür, hinter der ein Enkel der Seidels schläft.

All die Mühen hatten sich gelohnt, denn die Hündin bringt seitdem sehr viel Freude und Abwechslung an die Bergstraße. "Aber sie hasst alles, was sich in der Luft bewegt", weiß ihr neues Herrchen. Auch seine Tauben sind davon betroffen. Aber dieses Problem war ebenfalls fix beseitigt. Nahm sich der Züchter doch eine der Tauben und drückte diese ganz lieb an sein Gesicht. Rex verstand sofort und war fortan auch freundlicher im Umgang mit den Täublingen.

"Sie hat sich regelrecht in unser Leben eingeschlichen", freut sich die Familie. Auch Enkelin Anika freut?s, hat sie doch eine treue vierbeinige Spielkameradin gefunden, die zudem nicht einmal das zaunlose Grundstück verlässt. Das Grundstück der Seidels sollte neben Fremdlingen aber auch kein Rüde betreten. Denn die Hündin lässt keinen noch so strammen hübschen "Burschen" an sich ran. "Dabei hätten einige Nachbarn so gerne tierischen Nachwuchs von unserer lieben Rex", weiß Gretel Seidel. Aber in dieser Hinsicht lässt die Hündin nicht mit sich reden. Da hat sie einen Stolz, wie ihn eben eine feurige ungarische Dame besitzt.

Auch große schwarze Autos mag die Stolze nicht. Solchen Wagen beißt sie kurzerhand in die Reifen. Da sollte sich Matthias Stark vom gleichnamigen Schrotthandel wohl sehr überlegen, ob er sich mit seinem schwarzen BMW auch nur in die Nähe des Rex Reviers traut. "Wahrscheinlich hängt dies mit ihrer Ausbildung als Zollhund zusammen", meint Jürgen Seidel. Neben einigen Reifen musste zudem schon eine Henne von Nachbar Wagner dran glauben. Sie hatte sich über die Grundstücksgrenze verirrt und wollte wieder zurück in ihre Heimat. Aber beim Anblick der Hündin bekam sie einen Schock, stieg kurz auf und sank sogleich sterbend nieder. Die gute Seite des tragischen Unglücks - ein gemeinsames Mittagessen über Nachbars Grenzen hinweg war für diesen Tag gesichert. Die Knochen des armen Federviehs bekam die Täterin.

Solche Essensreste blieben nicht die einzigen für sie. "Denn einmal grub Rex einen Knochen auf dem städtischen Friedhof aus", erzählt der Rentner. Aber glücklicherweise war es nur ein weggeworfener Rippenknochen von einem Tier und niemand bekam einen Schock. Die Eigentümerfrage ist für Rex mittlerweile geklärt. Im Mai diesen Jahres bezahlten die Seidels die Hundesteuer und lösten damit das letzte aller Probleme. Ein anderer Bergstraßenbewohner klärt ebenfalls Eigentümerfragen. Matthias Männel sammelt und pflegt nämlich Oldtimer - ziviler und militärischer Bauart. Aber das ist eine andere Geschichte . . .  kiwi