Unerkannt im Vogtland

Trauer um Barby von der Kelly Family: Die Musikerin starb mit 45 Jahren. Nur wenige wissen, dass sie nach Ausbruch ihrer Krankheit jahrelang bei einer Gastfamilie im Vogtland gelebt hat - bis 2020.

Von Uwe Faerber

Weischlitz/Mißlareuth - Barbara Ann "Barby" Kelly hat nahezu unbemerkt in Mißlareuth gelebt, an der Grenze zu Thüringen, ganz im Westen des Vogtlands. "Sechs Jahre", sagt die Dame in der Meldestelle der Gemeinde Weischlitz. Mehr dürfe sie nicht sagen - Datenschutz.
Die Dorfgemeinschaft von Mißlareuth hat viele Jahre dicht gehalten und ließ nichts verlauten über das Versteck des prominenten Gastes. Auch der Bürgermeister wusste nichts. "Mir ist völlig neu, dass Barby Kelly in Mißlareuth gelebt hat. Ich hatte bis zu Ihrer Mail dazu keine Kenntnis", antwortet Gemeindechef Steffen Raab auf Anfrage.
Ulrich Lupart hatte bis dato nach eigenem Bekunden ebenfalls keinen blassen Schimmer; Lupart war bis 2017 der zuständige Bürgermeister - bis zur Eingemeindung nach Weischlitz. "Auch meine damalige Sekretärin hat nichts gehört", sagt der AfD-Landtagsabgeordnete.
Spurensuche in Mißlareuth: Barby Kelly hat bei einem älteren Ehepaar gewohnt - bei Pflegeeltern, wie es im Dorf heißt. Das Wohnhaus, ein Eckgebäude, war früher Gasthof/Konsum und steht am Ortsrand, unweit der Kirche. An einem der drei Briefkästen fehlt das Namensschild. "Das war ihr Briefkasten", sagt ein Nachbar.
Der Vogtland-Anzeiger klingelt - keiner scheint zu hören. Mit Geduld und weiteren Versuchen gelingt es, Kontakt aufzunehmen: Angelika W. eine Frau mit Brille, schaut aus der zweiten Etage. Barbys Tod habe sie sehr mitgenommen, erklärt sie mit trauriger Stimme - aber mehr wolle sie nicht sagen. Doch sie widerspricht bei der Frage, ob sie und ihr Mann die Pflegeeltern der Musikerin gewesen seien. "Nein, sie war eine Freundin."
Nach den Worten der Frau hat Barby Kelly neun Jahre bei ihnen in Mißlareuth gewohnt - bis zum Ausbruch von Corona in Deutschland im vergangenen Jahr. Anfang 2020 habe Kellys Familie die Schwester abgeholt: Weil es keine Auftritte wegen der Pandemie gebe, habe man jetzt Zeit, sich selbst zu kümmern.
Und wirklich: Im Dorf wird berichtet, wie Joey Kelly mit einem Auto und Berliner Kennzeichen auf dem Dorfplatz gesichtet wurde und die Schwester abgeholt hat.
Wohin? "Pflegemutter" Angelika W. schweigt. Laut Bildzeitung hat Barby Kelly ihr letztes Lebensjahr bei einer Pflegefamilie in Nordrhein-Westfalen verbracht.
Wie die Zeitung bereits früher berichtet hatte, litt die Gitarristin unter einer psychischen Störung und musste starke Medikamente nehmen. Seit dem Jahr 2000 sei sie nicht mehr aufgetreten und habe sich gänzlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; Starrummel hätte ihr geschadet.
Dem Bericht zufolge hatte Jimmy Kelly im Jahr 2013 auf Facebook geschrieben: "Ich möchte euch mitteilen, dass Barby seit vielen Jahren unter einer psychischen Krankheit leidet, die es ihr nicht möglich macht, allein zu leben, für sich zu sorgen oder Verantwortung über ihr eigenes Leben zu tragen. Sie muss unter ständiger Aufsicht sein."
Damit war augenscheinlich das Ehepaar Angelika und Hans W. in Mißlareuth gemeint. Im Dorf weiß man von einem Hausmeisterservice, den W. betrieben habe; das Ehepaar mit dem erwachsenen Sohn sei irgendwann aus dem nahen Rothenacker in Thüringen nach Mißlareuth gewechselt, in den alten Gasthof. Dort ist irgendwann auch Barby Kelly eingezogen.
Die Musikerin sei fast täglich spazieren gegangen - meist allein und oft vom Dorfrand in Richtung freies Feld, zu ihrem Lieblingsplatz, einem Steinhaufen. "Auf Feldwegen hat man sie gesehen, sonst nicht. Auch in der Kirche nicht", berichtet ein Mißlareuther, der die junge Frau als menschenscheu bezeichnet. "Ich vermute, dass eine solche Einzelbetreuung das Beste für sie war. Möglicherweise wäre sie in einer Wohngruppe in einer Stadt nicht klargekommen."
Eine Frau aus der Nachbarschaft berichtet von Spaziergängen mit ihrem Hund, bei denen sie öfter Barby Kelly getroffen habe. "Manchmal hat sie mir von ihrer Familie und der Musik erzählt. Sie sprach Englisch und Deutsch gemischt, zuweilen schien sie auch ein bisschen durcheinander." Oft habe die Musikerin den Eindruck geweckt, dass sie froh sei, spazieren gehen zu dürfen.
Einmal im Jahr sei Barby weggewesen zu Klinikaufenthalten, nicht selten gegen Ende des Jahres. Aber zu Weihnachten wurde sie immer abgeholt und hat das Fest immer bei jemand anderem verbracht, bei ihrer großen Schwester oder einem Bruder", erinnert sich die Frau.
Bleibt die Frage: Wie ist der Kontakt von Familie W. zu den Musikern zustande gekommen? Man habe die Kellys im Fernsehen erlebt, sei Fan der Musik geworden und auf Konzerten gewesen, ist durch Nachfrage zu erfahren. Dann habe man auch Kinder der Kelly-Family gehütet und Hausmeistertätigkeiten verrichtet. "Bitte fragen Sie das Management von Michael Patrick Kelly", sagt Angelika W.
Der Vogtland-Anzeiger fragt - doch weder von dort noch von Joey Kelly kommt Antwort.
Barby Kelly starb am 15. April im Alter von 45 Jahren. "Unsere geliebte Schwester Barby ist nach kurzer Krankheit vor wenigen Tagen von uns gegangen", schrieb die Kelly-Family auf dem Instagram-Account der Band. Viele Fans bekundeten in den sozialen Medien ihr Beileid.

Hintergrund: The Kelly Family

The Kelly Family ist eine irisch-amerikanische Musikerfamilie, die ihre Karriere 1975 mit Straßenkonzerten startete - in ganz Europa.
Aufmerksamkeit erregte die Familie vor allem durch ihr hippieähnliches Aussehen und ihren alternativen Lebensstil, der durch zahlreiche Reisen und Wohnortwechsel sowie durch atypische Wohnunterkünfte gekennzeichnet war. So lebte die Familie unter anderem in einem VW T1, in einem Doppeldeckerbus, auf einem Hausboot und auf Schloss Gymnich. 1994 gelang der Durchbruch: Die Geschwister wurden Stars - Angelo, Paddy, Patricia, Maite, Kathy, Barby, John, Jimmy und Joey feierten in Deutschland und Europa riesige Erfolge, verkauften nach eigenen Angaben 20 Millionen Tonträger. Die Besetzung veränderte sich über die Jahre, einzelne Mitglieder starteten Solokarrieren.
Barby Kelly blieb laut Internetlexikon Wikipedia bis 2002 Mitglied der Gruppe. Bereits zuvor wirkte sie nicht mehr an öffentlichen Auftritten mit, war aber im Studio dabei.
Zeitungsberichten zufolge hat sie beim 2017 erschienen Album "We Got Love" mitgemacht - zum 40. Jubiläum der Gruppe. ufa