Und im Sommer nach Bulgarien

Rodewischs Krimi-Queen Maren Schwarz wechselt das literarische Genres: Ihre Leser nimmt sie statt auf Verbrecherjagd diesmal auf eine Reise nach Bulgarien mit. Ihr Reisetagebuch aus dem Jahr 1988 ist diese Woche im Notschriften Verlag Radebeul erschienen.

Von Cornelia Henze

Rodewisch Mittwoch, 3. August 1988. Maren Schwarz, 24 Jahre jung und damals noch als Versicherungskauffrau unterwegs, steigt mit Ehemann Steffen in den Trabi und rollt gen Süden. Bilder des Kultfilm "Go Trabi go", der in die Zeit kurznach der Wende fällt, spielen sich im Kopfkino ab. Unterschied: Maren Schwarz‘ Reise begann ein Jahr bevor die Mauer fiel - und es ging auch nicht nach Italien. Aber immerhin ins Italien des Ostens. Nach Bulgarien. "Südliche Sonne, endlose Strände, verlassene Buchten, romantische Fischerdörfer, das kannten und liebten wir schon von einer Bulgarienreise über Jugendtoursit im Vorjahr. Nur diesmal wollten wir auf eigene Faust mit dem Trabi los. Es war ja unsere Hochzeitsreise", erinnert sich die seit Jahren im Vogtland durch ihre Rügen-Krimis populäre Autorin. Dass ihre Reise nach Bulgarien nicht die Abenteuerreise schlechthin war, weil viele DDR-Bürger dorthin oder auch nach Ungarn in den Ferien fuhren, weiß Maren Schwarz gut. Einen Anspruch auf Einmaligkeit erhebt sie nicht. Aber: Sie hat die Tagebuchaufzeichnungen ihres Mannes aufgehoben und literarisch aufgearbeitet. Authentisch und liebenswert. Jene, die in der DDR lebten, wird das Herz aufgehen und sie werden denken: "Genauso war‘s!" Die, die die DDR nur vom Hörensagen kennen werden staunen, mit wieviel Einfallsreichtum und Idealismus die Ostdeutschen ihre Sommerreise planten - gepaart mit wahrem Gottvertrauen in die Technik des Trabis, dass dieser nicht auf halber Strecke schlapp machen möge.
Wie bei so vielen bewies sich die Pappe als wahres Wunderauto: Beladen bis zum Gehtnichtmehr mit Zelt, Campingstuhl, Propangaskocher und eingekochten Roulladen, so voll, dass fast die Achse knackte, tuckerte Ehepaar Schwarz ans Schwarze Meer. Mit Zwischenstops im tschechischen Brno und im ungarischen Budapest und rückzu bei den Verwandten im rumänischen Siebenbürgen, die damals das harte Leben unter Ceaucescu zu spüren bekamen und heute alle in Deutschland leben. So als wäre es gestern gewesen, nimmt Maren Schwarz ihre Leser an die Hand und streift mit ihnen über Zeltplätze, über die westlich angehauchten ungarischen Pullovermärkte, nascht mit ihnen saftige Aprikosen und kostet hochprozentigen Sliwowitz und staunt mit ihnen, dass es in Bulgarien das westliche Schweppes zu kaufen gibt. Sie nimmt sie mit in die Trabi-Warteschlange an der Grenze zu Rumänien und die malerischen Gassen von Sofia.
Seit Maren Schwarz die Tagebuchaufzeichnungen aus der Schublade geholt hat, kamen auch die Erinnerungen an dort geschlossene Freundschaften und Schicksale wieder. Etwa die an einen Lehrer, der in Bulgarien im Nebenjob an Urlauber auf dem Zeltplatz Obst verkaufte. Mit ihm, der fließend Deutsch sprach, sei man im Folgejahr (1989!) tanzen gewesen, später habe man sich geschrieben - und nach der Wende ist der Obstverkäufer nach Stuttgart übergesiedelt, wo er allerdings nie heimisch wurde. "Er ist nach Bulgarien zurück, und wir haben leider keinen Kontakt mehr zu ihm", bilanziert die Autorin.
"Es war ein Herzenswunsch von mir, die Reiseerinnerungen als Buch herauszubringen", verrät die Rodewischerin. Als Dauer-Autoren-Gast auf der Leipziger Buchmesse ist sie denn auch per Zufall auf den richtigen Herausgeber gestoßen, den Notschriften Verlag Radelbeul. Der sei begeistert gewesen von der Idee. Und dann sei alles sehr schnell gegangen. Vertrag, Lektorat, Veröffentlichung. Wenn es passt, will Maren Schwarz in der Region zur Lesung laden - und als Goodi die alten Bulgariendias mittels neuer Technik zeigen. Und ja: Auch die Trabipanne, sprich Keilriemenriss, hat es auf den 2500 Kilometern gegeben, die, wie sollte es anders sein, mit Marens Damenstrumpfhose behoben werden konnte.
Info: "Und im Sommer nach Bulgarien", Notschriften Verlag Radebeul; ISBN: 978-3-9481-820, 112 Seiten, 9,90 Euro.