Un-umstrittener Volksheld Sigmund

Wer war Sigmund Jähn wirklich - abseits des Ruhms als erster Deutscher im All? Der MDR zeigt Sonntagabend, eine bisher unveröffentlichte Dokumentation über den großen Vogtländer. Das Stichwort "(un)umstrittener Volksheld" sorgt in den sozialen Netzwerken vorab für eine hitzige Diskussion.

Von Cornelia Henze

Rautenkranz Sigmund Jähn beim Kirschenernten in seinem Grundstück in Strausberg bei Berlin. Sigmund als Imker mit seinen Bienen. Sigmund, wie er im Bademantel gemütlich zum See geht, diesen ablegt, ins Wasser steigt und eine Runde schwimmt. Die Bilder strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, zeigen den Alltag eines normalen Rentners, so wie sie tausende ältere Herrschaften täglich leben. Sie sind ein Abbild dessen, für das Sigmund Jähn für die meisten Vogtländer steht: Eines Mannes, dem trotz seiner Höhenflüge die Bodenhaftung nie verloren ging. Ein Mann, dem Eitelkeiten fremd sind. Die Dokumentation von Nicola Graef und Florian Huber begleiten den ersten deutschen Raumfahrer ungewusst in seinen letzten Lebenstagen. Noch während der Dreharbeiten und den langen, tiefgehenden Interviews verstirbt Jähn im September 2019. Es ist das letzte Zeitdokument über Jähn. Wie die Drohne von oben den Vogtlandwald um Jähns Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz fokussiert, tastet der Film Lebensepisoden des Volkshelden ab. Sigis bester Freund, der Raumausstatter Lothar Quäck aus Auerbach, spricht von scheinbar vom Krieg unbelasteten Kindheitstagen in der Natur. Jähn selbst reflektiert die Strenge des Vaters und die Güte der Mutter. Letztere habe ihn "zum richtigen Menschen" gemacht. Von Sigis Geburtsthaus geht es zu Jähns staatstreuen geradlinigen Ausbildung: Vier Jahre studiert Jähn an der Militärakademie in Moskau. Ohne Groll spricht Eberhard Köllner über seinen Mitbewerber im Auswahlverfahren um den ersten Flug ins All, dem Köllner bekanntlich unterliegt. Aber auch Unbekanntes deckt der Film auf. Etwa den privaten, heimlichen Flug über die Zugspitze, die Schweiz bis Italien, die Raumfahrer-Kollege Ulf Merbold mit Jähn spontan am Rande eines Kongresses unternommen hat. "Das war eines der besten Dinge, die mir widerfahren sind, aber ich kann keinem Menschen davon was erzählen", reflektiert Jähn später. Volksheld oder ewig gestriger DDR-Staatsdiener? In der Vorankündigung des Dokfilms in den sozialen Netzwerken sorgt der MDR mit dem wohl versehentlichen Schreibfehler "umstrittener Volksheld" für Irritationen, Shitstorm, Für und Wider. Umstritten oder unumstritten: Das möge der TV-Zuschauer nach anderthalb Stunden selbst entscheide. Der MDR korrigierte übrigens sein Vorankündigung  in "unumstrittener Volksheld".