Umsturz mit Hörsturz

Was macht eigentlich Dr. Karl Zehrer? Der Pfarrer aus Oelsnitz hat geholfen, dass die Zeit nach dem Mauerfall 1989 im Vogtland friedlich verlaufen ist. 1990 sollte er Landrat in Oelsnitz werden. Aber der heute 88-Jährige war nie traurig, dass es nicht geklappt hat.

Oelsnitz/Regnitzlosau - Zehrer hat nach eigenen Worten nie an einer Demo im Herbst 1989 teilgenommen: "Montags, wenn die Vogtländer in Oelsnitz auf die Straße gingen, war ich in Klosterlausnitz, wo ich an der kirchlichen Hochschule arbeitete. Und freitags habe ich meine Gemeinde in Oelsnitz betreut, wenn in Klosterlausnitz demonstriert wurde."
Und dennoch wurde Zehrer eine Instanz in Oelsnitz, zum Beispiel durch die von ihm moderierten Mittwochsgespräche: "Die Christuskirche war brechend voll. Ich war der Schiedsrichter auf der Kanzel, das Volk konnte Fragen stellen an bis dahin unerreichbare Leute: den Rat des Kreises, die SED-Kreisleitung, Betriebsleiter. Es ging hart zu - aber fair. Alle sind jedes Mal friedlich auseinander gegangen. Der Chef der Polizei hat sogar Abbitte geleistet, nur die Vorsitzende Richterin hat die Kirche unter Protest verlassen, weil sie sich nicht dem ,Tribunal‘ stellen wollte, wie sie sagte."
Zehrer war 1988 Pfarrer an der methodistischen Christuskirche in der Sperkenstadt geworden - an der stark befahrenen Fernverkehrsstraße nach Tschechien, gegenüber der SED-Kreisleitung. "Ich hatte die Stelle angenommen in der Hoffnung, dass die Straße immer geräumt sein würde, damit ich gut nach Klosterlausnitz würde fahren können." Allerdings sei es durch die Autos so laut gewesen, dass der Pfarrer sich nach eigenem Bekunden einen Hörsturz zugezogen hat, obwohl er sich zuweilen mit Oropax geschützt hat.
Karl Zehrer wurde 1932 in Triebes geboren. "Ich wurde gottgläubig, aber nicht christlich erzogen. Das Abitur kam nicht infrage, obwohl ich für das Gymnasium zugelassen war: Vater war an der Front, Mutter mit uns fünf Kindern allein. Also lernte ich Schuhmacher und sollte das Geschäft des Großvaters übernehmen."
Der Junge war nach eigenen Worten überzeugter Nationalsozialist - wie so viele. Und sein Weltbild sei 1945 zertrümmert gewesen - wie so viele Städte im Land. Widerwillig folgte er der Einladung des Leiters des Kirchenchores. "Aber als ich jedoch im Mittelgang der Kirche stand, wusste ich: Hier ist mein Platz, hier gehöre ich her."
1948 beginnt Zehrer ein zweijähriges Praktikum bei der methodistischen Kirche, studiert vier Jahre in Bad Klosterlausnitz, wird Pfarrer in Gera, später in Halle und Werdau. Nach einem vierjährigen Fernstudium folgen Staatsexamen und Promotion an der Uni in Halle. Später beschäftigt er sich mit den "Freikirchen im Dritten Reich" - und habilitiert sich an der Leipziger Uni. "Aber ich hatte keine Chance auf eine Anstellung beim Staat."
So kommt Zehrer als Dozent nach Klosterlausnitz, wo er 1989 - seit mehr als 30 Jahren mit Gisela verheiratet und Vater zweier Kinder - die Friedliche Revolution erlebt: "Kurz vor den Kommunalwahlen im Mai brach die Staatssicherheit ins Büro unseres Direktors ein. Unbekannt, was gesucht oder gestohlen wurde. Aber das war der Anfang einer Empörung, die nie wieder aufhörte."
Auch in Oelsnitz habe es rumort - und Zehrer ist sich mit den Pfarrern der anderen Kirchen einig, dass man den Dialog zwischen Herrschenden und Volk in Gang bringen müsse. "Es bildete sich eine Handvoll Arbeitsgruppen - ich war für die der Arbeiter zuständig. Bei dem Treffen im Rathaus saß ich unter fünf Dutzend Arbeitern, die Fragen hatten an die Vertreter von Parteileitung, Rat der Stadt und Rat des Kreises." Sehr wichtig sei gewesen, dem aufkommenden Hass entgegenzutreten.
Zehrer ist Mitgründer der Bürgerinitiative in Oelsnitz, sitzt mit am Runden Tisch, steht regelmäßig an einem Buchstand vor seiner Kirche, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. "Es war eine höchst intensive Zeit, heute kaum vorstellbar, wie wir das geschafft haben."
Nachdem der Kreisvorsitzende der SED ausgetauscht wurde, ist der Pfarrer nach eigener Schilderung zu ihm gegangen und hat ihm ins Gesicht gesagt: "Wenn Sie nur einen Schuss abgeben lassen, machen wir Sie persönlich dafür verantwortlich!"
Zehrer und seine Mitstreiter müssen sich im Auftrag des Runden Tisches um die Verhältnisse an der Grenze kümmern. "Ich erinnere mich an die Fahrten zu den Grenzeinheiten. Den sie kontrollierenden Stasi-Organen haben wir die Befehlsgewalt entzogen und sie faktisch entwaffnet - nur mit dem Überraschungsmoment und der Macht des Wortes." Auf dem Rückweg habe Zehrer den 1. Sekretär im Eingangsbereich seiner Dienststelle getroffen, der nach seinen eigenen Worten "entlassen wurde und der 1. Arbeitslose der DDR" war.
Wie Zehrer berichtet, holte er bei der Kommunalwahl in Oelsnitz die meisten Stimmen, auf Kreisebene die zweitmeisten. "CDU und SPD nominierten mich als Landratskandidat. Die Wahl sei gescheitert, gegen Bernd Abele - einen Journalist aus Westdeutschland mit vielen, vielen Arbeitsstellen, der es auch in Oelsnitz nicht lange ausgehalten habe. Dieser Abele habe die Sozialdemokraten sprichwörtlich besoffen gemacht und von der Wahl Zehrers abrücken lassen. "Ich bin darüber nicht traurig: Ich hätte nur ungern meine Stelle als Pfarrer aufgegeben, die ich so bis 1997 bekleidet habe."
Gelegenheit, Dr. Karl Zehrer einige Fragen direkt zu stellen:

Herr Dr. Zehrer, wie geht es Ihnen?

Mit meinen 88 Jahren relativ gut - trotz Schwerhörigkeit und dem plötzlichen Tod meiner geliebten Frau vor zwei Jahren. Ich halte immer noch Gottesdienste und Vorträge in Thüringen und Sachsen. Gegenwärtig bereite ich mich auf eine Reihe von Referaten im Sommer in Dresden zur Friedlichen Revolution vor unter dem Thema "Das war's".

Wo leben Sie?
Seit 1996 in Regnitzlosau bei Hof, wo auch meine Tochter mit ihrem Mann wohnt. Die studierte Theologin arbeitet in der Landeszentrale für Politische Bildung in Dresden. Mein Sohn ist Pfarrer in Berlin. Ich bin mittlerweile dreifacher Ur-Großvater.

Wie gefällt es Ihnen in Regnitzlosau?

Sehr gut. Meine Wohnorte sind immer kleiner geworden. Jetzt bin ich schnell in der Natur, kann auf Nordic-Walking-Tour gehen. Im Garten kann ich in Ruhe arbeiten oder mich ausruhen - ohne gestört zu werden.

Was halten Sie vom Vogtland-Anzeiger, einem Kind der Friedlichen Revolution?
Ich habe die neue Zeitung herbeigesehnt, für sie geworben und mich finanziell engagiert - wie viele andere. Und ich wurde sehr enttäuscht, weil die Firma "Neuer Vogtländischer Anzeiger"-Verlag Insolvenz angemeldet hat. Ich weiß nicht, welche Rolle die Frankenpost dabei gespielt hat, die dann die Zeitung allein weitergeführt hat. Im übrigen haben viele Redakteure der einst verwünschten Freie Presse in der neuen Zeit bewiesen, dass sie ihr Handwerk verstehen - wenn man sie lässt. Und natürlich sind zwei Zeitungen besser als eine. ufa