Überlebender des KZ Auschwitz-Birkenau zu Gast an Plauener Schule

Der Chemnitzer Justin Sonder, einer der wenigen Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, war erneut zu Besuch bei Schülern in Plauen. Diesmal erzählte er seine berührende, erschütternde, aufwühlende Geschichte in der Hufelandschule.

Plauen - Was wären Ihre letzten Worte unterm Galgen gewesen? Die Frage eines Jungen fast zum Ende des Treffens, versetzte die Schüler wie den Ehrengast Justin Sonder nach zwei Stunden Redens, Zuhörens und Diskutierens in einen Moment des Innehaltens. Jeder der 42 Menschen im Mehrzweckraum der Hufelandschule spürt: So einen Augenblick unterm Galgen möchte keiner erleben und doch erlebten und erleben ihn Menschen noch heute. Justin Sonder berichtet zuvor über die regelmäßigen Hinrichtungen in Auschwitz, die 15 000 Häftlinge ansehen mussten, bei denen junge Menschen unter dem Strang standen und ihre letzten Worte sprachen. Sonder antwortet: "Gebt nicht auf!"

Justin Sonder, 87 Jahre alt, hat viel Glück im Leben erlebt. 18 Mal allein bei den so genannten Selektionen im KZ Auschwitz, erzählt der ehemalige Häftling, Jude, Todgeweihte den Schülern der Hufelandschule. "Das Wort ist so grausam, Selektion. Es bedeutete, dass SS-Schergen bei den Häftlingen eine Auswahl trafen. Wer darf weiterleben und wer wird ermordet." Ein Offizier schritt die Menschenreihen ab und zeigte mal mit dem Daumen nach oben, mal nach unten. Nach unten bedeutete: Gaskammer. Tod. Ende. Doch nicht nur das. Das Lager selbst, das System der Vernichtung durch die Nazis, dieser unsäglich schlimme Krieg waren eine Mischung, die jede Hoffnung für ein Leben in Frieden zu zerstören versuchte.

Allein in Auschwitz-Birkenau wurden über 1,1 Millionen Menschen umgebracht. Juden, Sinti und Roma, Widerstandskämpfer, einfache Bürger aus ganz Europa. Als wäre es gestern geschehen, zeichnet Justin Sonder sein Erlebtes nach, die Kinder hören aufmerksam zu, ihren Blicken ist zu entnehmen, wie beeindruckt, erschüttert, verwundert, wie ungläubig gar sie sind ob des Unfassbaren, was Menschen Menschen antun können. "Ich will leben", lautete die unbändig gelebte Devise des kleinen jungen Burschen, der damals keine 18 Jahre war und 1943 von Chemnitz nach Auschwitz deportiert wurde.

Die Eltern wurden ermordet, weitere Angehörige. Justin Sonder versuchte durchzuhalten. Dem Wahnsinn Normalität zu verleihen. Er ging "zur Arbeit", sagt er über die Zwangstätigkeiten, mitunter im Dauerlauf. Zementsäcke tragen zu sollen. Zu müssen. Der alte Mann Sonder erzählt vom aufkeimenden Widerstand. Er schloss sich ihm an und sabotierte mutig die Produktion. "Darauf stand die Todesstrafe." Sonder verließ das KZ. Mit einem Todesmarsch. Viele starben, wurden ermordet. Er kam durch bis nach Bayern. Nach zwei weiteren KZ-Aufenthalten in Sachsenhausen und Flossenbürg hieß es erneut loszumarschieren, um den anrückenden US-Amerikanern auszuweichen. "Ein Panzerangriff der US-Army beendete die Odyssee." Am 23. April war Justin Sonder frei.

"Die Menschen lernten und lernen selten etwas von der Geschichte", lautet Sonders schlichtes, ernüchterndes Fazit. Angesichts der täglichen Nachrichten, der aktuellen Kriege und Krisenherde und der Unvernunft der Verantwortlichen komme er, der 87-Jährige Auschwitz-Überlebende, zu diesem Schluss. Aber man dürfe nicht aufgeben zu kämpfen gegen Ungerechtigkeit, Tyrannei und Boshaftigkeit. "Ich will mit einem Brechtwort enden", sagt Sonder und mahnt, dass die Nazis immer noch unter uns weilen. Nachtrag: Die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg teilte jetzt der Öffentlichkeit mit, dass die Ermittlungen gegen 50 noch lebende mutmaßliche Aufseher aus dem KZ Auschwitz- Birkenau ausgeweitet werden. Sie sind heute alle über 90 Jahre. Justin Sonder ist heute 87. va