Über die erste große Liebe und Pferde

Plauen - Das Lamento vom fehlenden Interesse der Jugend am Lesen ist beinahe jeden Tag in den Medien zu hören oder zu lesen. In hochkarätigen Diskussionsrunden wird bedeutungsschwanger über das Problem parliert. - Und doch bedarf es nur eines kurzen Weges, beispielsweise in die Karl-Marx-Grundschule in Plauen, in die dortige Bücherei, um sich eines Besseren belehren zu lassen.

 

 Wo junge Leute mit Interesse schmökern, in frühen Jahren an das Buch herangeführt werden. Dabei engagieren sich Eltern und Großeltern. Denn: Ohne die Mütter und Väter gäbe es diese Einrichtung nicht mehr. Hatte sich doch die Vogtlandbibliothek vor rund sechs Jahren aus den Bibliotheken der Schulen zurückgezogen. Da waren einige Eltern zur Stelle, die dank ihres Einsatzes auch heute noch die Bücherei am Leben halten. Mehr noch: Die Bücherei erfreut sich großer Beliebtheit, wie wir dieser Tage feststellen konnten.

In einer kleinen Schlange stehen Celina Pietzsch, Luisa Köhler, Laura Stephan und Anika Hertwig an, um sich für ihre neuen Bücher von Valerie Tiemann-Simon registrieren zu lassen. Die Bibliothekarin auf Zeit, deren Kinder in die Karl-Marx-Schule gingen, betreut gemeinsam mit zwei anderen Frauen die Einrichtung. Geöffnet hat die Bücherei dienstags von 11 bis 15 Uhr sowie donnerstags zwischen 13 und 15 Uhr.

Kaum hat Celina Pietzsch aus der 4c ihre Bücher eintragen lassen, setzt sie sich neben Jessica Schaal und Anja Dominok, beide aus der 4a, auf zwei überzogene Stufen unters Fenster, um in ihren Büchern zu lesen. "Garfield macht Diät" ist heute angesagt. Weniger dessen Speisekarte, sondern eher seine Erlebnisse begeistern das Mädchen.

Generell mag die Viertklässlerin Abenteuerbücher mit viel Spannung, aber auch Witziges lässt sie sich nicht entgehen. Ihr Lieblingsbuch ist, besser gesagt sind zwei in einem: "Delfin in Seenot" von Ingrid Uebe und die Delfingeschichten aus der Feder von Marliese Arold. Und wie es sich für Mädchen gehört, mögen sie Romantisches, jedenfalls Jessica Schaal und Anja Dominok. "Ben liebt Anna" hat es Anja angetan. Prompt ruft ein anderes Mädchen in der Bibliothek, genau das sei auch ihr Lieblingsbuch. Verfasst ist das Ganze von Peter Härtling, der auch dem einen oder anderen erwachsenen Leser bekannt sein dürfte. Noch einen Zacken gefühlsbetonter mag es Jessica: "Romantische Geschichten mit Liebe lese ich sehr gerne." So zum Beispiel das Buch "Liebesbriefe und Musenkuss", aber auch Pferdegeschichten. - Wie das zusammengeht, bleibt offen.

 

Zwischen 1000 und 2000 Bücher sind in der Bibliothek der Karl-Marx-Grundschule zu finden. Ein Großteil dessen konnte mit Hilfe einer Geldspende nach Wiederbezug der neu hergerichteten Schule angeschafft werden. Weiterhin geben Eltern Bücher ihrer nicht mehr ganz so jungen Sprösslinge ab, um so auch anderen Kindern eine Freude zu bereiten. Noch stellen die Mädchen zahlenmäßig die Mehrheit bei den Bibliotheksnutzern an der Schule. "Doch wir tun auch einiges dafür, um die Jungs ans Lesen und ans Buch heranzuführen", erzählt Frau Tiemann-Simon. So wurde letztes Jahr eigens ein Lesetag für Jungen veranstaltet.

 

Dabei hätten zwar einige Mädchen etwas dumm geschaut, aber es sei ja nur ein Tag gewesen. Was die Lesewünsche der Grundschüler angeht, hat die Gesprächspartnerin mehrere "Verursacher" ausgemacht. Zum einen die Fußball-WM: "Da stehen Bücher über Fußball insbesondere bei den Jungs ganz hoch im Kurs."

 

Dann ist das Kino ein weiterer Auslöser von Lesemoden. Kommt das Buch über einen aktuellen Kinderfilm auf den Markt, ist es auch sehr schnell in der Bibliothek vergriffen. Und auch der Aufklärungsunterricht in der vierten Klasse ist nicht zu vergessen. Das wollen dann insbesondere die Mädchen genauer wissen und leihen sich die entsprechende Lektüre aus. Apropos Aufklärung: Wenn die öffentliche Hand sich immer mehr aus der Förderung von Bibliotheken zurückzieht, könnte das Lamento über das fehlende Interesse der Jugend am Lesen letztlich doch auf einem realen Grund basieren. Bert Walther