Tüfteln am Weltmeister-Erlkönig

Es tut sich was in der Klingenthaler Weltmeister-Akkordeon-Manufaktur. Ein Team Internationaler Experten tüftelt am Prototyp eines Weltmeister-Akkordeons. Der Erlkönig ist gerade auf Erprobungs-Tour.

Von Marlies Dähn

Klingenthal - Frank Meltke checkt als neuer Geschäftsführer ab, was sonst noch so geht in der traditionsreichen Manufaktur. Es ist immer wieder ein kleines Wunder, wenn sich 2500 Teile in 5000 Arbeitsgängen zu einem Akkordeon zusammenfügen. In der Klingenthaler Manufaktur vollzieht sich das wie eh und je in Handarbeit.
Hier wird gesägt, gehämmert, gefalzt, geklebt, geschwabbelt, montiert und gestimmt. "Wir kaufen Blech, Plaste-Granulat und Holz und bauen daraus ein Akkordeon", beschreibt Frank Meltke die einzigartige Fertigungstiefe seines Unternehmens.  "Sein Unternehmen" hat eine abschreckend marode Außenhülle und teilweise museal anmutende Produktionsstätten - als würde die Zeit still stehen. Selbst ein Anrufbeantworter fehlte und nach Feierabend hatten Kunden keine Chance zur Kontaktaufnahme. Das ist jetzt anders.
In Klingenthal hat der in den USA lebende Experte im Herbst 2018 zunächst als selbst ernannter "Praktikant" begonnen. "Immer morgens für je zwei Stunden bin ich von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, um Produktionsabläufe zu verstehen", sagt der Unternehmer. 
Was er vorgefunden hat, hat ihn erstaunt, aber nicht verschreckt. Im Gegenteil. Für die in Handarbeit produzierten Instrumente aus Klingenthal sieht er Potenzial und Zukunft. Er muss es wissen. 
Firmen, die wirtschaftlich am Boden waren, hat Frank Meltke bisher wieder auf die Beine geholfen. Das soll auch in Klingenthal gelingen. "Was ich hier einbringen kann, ist meine Internationalität", sagt Meltke, der ursprünglich Verwaltungswissenschaften studierte, viele Jahre in Südkorea, Russland, USA und Kanada wirkte, dessen Wurzeln jedoch im Erzgebirge zu finden sind. Vielleicht auch deshalb war die Neugier geweckt, als ein Freund bat, sich den in die Krise geratenen Klingenthaler Akkordeonbau einmal anzuschauen. "Ich bin rübergeflogen und wurde gleich gewarnt vor der Starrköpfigkeit der Vogtländer", erzählt der Unternehmer, der in Eppendorf im Erzgebirge aufgewachsen ist, Oberwiesental 1990 den Rücken kehrte und dem die hiesige Mentalität durchaus nicht fremd ist. 
In die Musikinstrumentenbranche einzusteigen, war für Frank Meltke Neuland. Mit Akkordeons verbinden ihn allerdings Erinnerungen. "Wir hatten zwei der Marke "Weltmeister". Vater ,quälte‘ meinen Bruder und mich sonntags darauf immer mit Kinderliedern", erinnert sich Meltke schmunzelnd, der auf Umwegen inzwischen in Gottesberg einen idyllisch gelegenen Zweitwohnsitz gefunden hat.
Jetzt möchte er die Chance nutzen, Weltmeister zu neuem Weltruf zu verhelfen. Und auch eine seiner vier Töchter (sie sind 13/18/21 und 25 Jahre) ist mit an Bord. Aufgabe der 18-Jährigen war es zum Beispiel, Fragebögen zu entwerfen in Sachen Weiterentwicklung des Akkordeon-Prototyp. Das Instrument soll nicht nur ein frisches "Gesicht" bekommen, leichter sein, sondern auch durch hervorragende Spielbarkeit und Klang überzeugen.
Deshalb ist der "Erlkönig" aktuell auch auf Reisen. Bei Messen wurde das Akkordeon getestet, Profimusiker durften es ausprobieren und auch das Klingenthaler Akkordeonorchester gab seine Erfahrungen weiter und füllte den Fragebogen aus. Im März kam in Klingenthal das Entwicklungsteam zusammen. Jeder der Entwickler hat seine eigene Geschichte. Da ist zum Beispiel der Amerikaner Kimric Smythe. Er war Wartungstechniker der US-Air-Force, hatte mit B-52- Bombern zu tun und bastelte mit an Neil Amstrongs Mondfahrzeug. Dort ging es vor allem darum, das Gefährt leichter zu machen. Auch das Weltmeister-Akkordeon soll deutlich an Gewicht verlieren. Zünglein an der Waage könnten dabei die Stimmzungen sein. Bisher sind sie aus Federstahl. Nun ist ein anderes Material im Test, das kräftig am Gewicht spart. Kimric Smythe ist zudem auch noch Akkordeonfreund und hat nebenberuflich einen Akkordeon-Shop, in dem auch Weltmeister-Modelle im Angebot waren. 
Neben einem Designer aus Spanien, der sich auch um die Verpackung vom Koffer bis zum Akkordeon-Rucksack kümmert, ist als weiterer Entwickler Manfred Neumann mit im Boot. Der Mann aus Pirmasens baut den Prototyp. Seit Jahrzehnten tüftelt der 84-jährige an der Weiterentwicklung des Akkordeons.
Wie hat der Unternehmer den Tüftler gefunden? 
"Er hat mich gefunden", wirft Frank Meltke schmunzelnd ein. Schon zu Christine Herbergers Zeiten hatte er zur Harmona vergeblich Kontakt gesucht. "Man war nicht interessiert", bestätigt Meltke. Dabei sei der private Maschinenpark von Bastler Manfred Neumann moderner, als der der Klingenthaler. 
Als angehende Meisterin ihres Fachs wird auch die junge Klingenthalerin Lisa Köhler mit in die Entwicklung eingebunden, ebenso, wie Produktionsleiter Karl-Heinz Glaß. Er kennt den Betrieb wie seine Westentasche und kann mit Sicherheit sagen, was geht und was nicht machbar ist. 
Mit dem Know-how, dem langjährigen Erfahrungsschatz der Klingenthaler Manufaktur-Mitarbeiter und der geballten Kraft des internationalen Entwicklerteams soll das neue Akkordeon Mitte Oktober in die Produktion gehen. 
Der Erlkönig ist nun auf Tour in Tschechien, Serbien, Italien, Russland, Neuseeland, Kanada, USA. Je zwei Tage spielen weltweit Musiker das neue Instrument. Gegenleistung ist, den Fragebogen zu beantworten. 
"Bisher lief alles ohne staatliche Unterstützung. Zuviele Fördermittel wurden im Unternehmen bereits verbrannt", sagt Meltke, der in jedem Fall am Standort Klingenthal festhalten will. "Zwei Vorgänger haben einen Neubau geplant und sind gescheitert. Ich werde nicht der Dritte sein", so der Unternehmer. 
 Inzwischen laufen erste Aufträge ein. Das ist nicht zuletzt der internationalen Vernetzung zu verdanken. Mittlerweile gibt es Vermittlungsbüros, eines in Kalifornien. Dort hält Amy Simpson Kontakt zu Kunden in Nord- und Südamerika sowie Kanada. Ab Juni wird es ein Büro für den asiatischen Raum geben. Und ein Büro in Russland, um dort wieder alten und neuen Kunden den Namen "Weltmeister-Akkordeon" schmackhaft zu machen.

Akkordeon-Manufaktur

In den besten Zeiten zählte der VEB Klingenthaler Harmonikawerke (KHW) 3500 Beschäftigte. 1992 wurde daraus die Harmona-Akkordeon GmbH, die Insolvenz anmelden musste und am 1. Oktober 2017 als Weltmeister-Akkordeon-Manufaktur den Neustart wagte mit Investor Hans Martin Jahn aus Heidenau und Geschäftsführer Rainer J. Burken.
Heute sind in der Klingenthaler Akkordeon Manufaktur 64 Mitarbeiter und zwei Azubis beschäftigt, die beide hier ihr Meisterausbildung für Handzuginstrumentenmacher absolvieren. Damals gab es im Unternehmen allein 40 Reinstimmer. Heute muss jeder Mitarbeiter viele Arbeitsgänge beherrschen. Die Marke Weltmeister erobert wieder den Markt und ein Prototyp ist im Oktober weltmarktfähig.