Tübkes Helfer unterm Galgen

Eberhard Lenk aus Rebesgrün bei Auerbach war der wichtigste Helfer beim Riesengemälde "Bauernkriegspanorama", das vor 30 Jahren in Bad Frankenhausen eröffnete. Die Arbeit hat den gebürtigen Vogtländer geprägt.

Von Katrin Mädler

Bad Frankenhausen/Rebesgrün Es dauerte, bis sich Eberhard Lenk ein Herz fasste. Die Arbeit an dem Monumentalbild schritt Mitte der 1980er Jahre voran. "Ursprünglich war vorgesehen, dass sich alle Künstler, die an dem Werk mitgearbeitet hatten, auch darauf verewigen dürfen. Aber einer nach dem anderen schied aus. Ich wartete auf einen ruhigen Moment. Dann wollte ich Tübke darauf ansprechen", sagt Eberhard Lenk heute.
Dann kam die Gelegenheit: Die letzten zwei Jahre bis zur Fertigstellung 1987 arbeiteten Werner Tübke (1929-2004) und Eberhard Lenk als sein wichtigster Helfer nur noch allein an dem "Bauernkriegspanorama", das mit offiziellem Namen "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" heißt.
Lenk: "Irgendwann fragte ich ihn, was er davon halten würde, wenn ich einer Mönchsfigur mein Gesicht gebe. Er meinte, es sei eine gute Idee. Ich fertigte eine Zeichnung an und er segnete sie ab", sagt der 68-Jährige, der heute bei Berlin lebt. Doch ein paar Tage später nach dieser Absprache seien Künstler-Kollegen vor Ort gewesen. Plötzlich schien es, als habe Tübke einen Einfall, erinnert sich Lenk. "Ach ja, Herr Lenk. Hier könnten Sie sich doch platzieren", habe Meister Tübke vor allen Leuten gemeint und auf die Stelle im Bild gezeigt.
Dabei sei man zu dieser Zeit auch längst per du gewesen. "Aber so funktioniert Legendenbildung. Tübke tat, als sei ihm die Idee in dem Moment gekommen."
Ein Mann mit einer Mönchskutte unter einem Galgen-Gerüst, der mit dem Rücken zum Betrachter steht, sich aber zu diesem umwendet und ihn anschaut: Mit dieser Figur verewigte sich der damals junge Künstler Lenk also in einem der berühmtesten DDR-Werke. "Mit blonden Locken, so sah ich damals aus", sagt der gebürtige Vogtländer, der in Rebesgrün aufgewachsen ist.
Bereits 1987 seien die Arbeiten an dem gigantischen Werk beendet gewesen. Eröffnung war jedoch erst zwei Jahre später: Vor genau 30 Jahren im September 1989. Grund für die Verzögerung sei das Gebäude um das Bild herum gewesen, das erst fertiggestellt werden musste, sagt Lenk.
Von Anfang an, ab 1982, sei er vor Ort dabei gewesen. Die meist jungen Kunst-Absolventen der Leipziger Hochschule standen oft zehn Stunden am Tag auf dem Gerüst. "Früh ging es hoch, nur zum Mittagessen kurz runter. Es war harte, physische Arbeit. Jede begonnene Stelle musste in drei Stunden sitzen, ehe die Farbe trocknet. Abends ging der Meister herum zur Abnahme. War er nicht zufrieden, musste man länger bleiben."
Irgendwann fiel Tübke aus - eine Handverletzung zeigte, bis zu welcher körperlichen Grenze an dem 14 Meter hohen und 123 Meter breiten Werk gearbeitet wurde. "Man versorgte uns, wir wurden bekocht. Die einzige Aufgabe bestand darin, mit Farben, Pinseln, Bürsten und diesen Figuren, mit diesem Gewimmel, fertig zu werden. Wir lebten in dem Gehäuse oberhalb des Ortes abgeschottet von der Welt". Viele der ursprünglich 15 Helfer seien daran gescheitert, den kleinen 1:10-Entwurf Tübkes auf der riesigen Leinwand vor Ort umzusetzen. "Es ging nicht darum, die Figuren einfach auszumalen, die mithilfe von Diaprojektoren übertragen wurden. Wir mussten diese Welt erschaffen und niemand sollte sehen, dass mehrere Personen daran gearbeitet hatten. Es ging um Feinheiten, die Fernwirkung der Szenen." Kleine Figuren von Tübkes Entwurf waren nun mehrere Meter groß. War ein Bereich nicht mehr stimmig, wurde die Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Tübke-Helfer beendet. Auf dem Gerüst zeigte Lenk: Niemand konnte unbemerkter Tübkes Arbeit weiterführen, übernehmen oder vorbereiten.
Die Darstellungsweise der berühmten "Leipziger Schule" bekam Lenk in seinem Studium bei Professor Heinz Wagner mit auf den Weg. 1988 gab es für ihn noch den Kunstpreis der DDR. "Der Kulturminister wollte mich aufbauen." Fresken in Berlin waren geplant, dazu eine Professorenstelle. Dann kam die Wende: Die Staatsnähe setzte ihm beruflich zu, eine teure Scheidung privat. "Ich war in einer furchtbaren Verfassung, fast mittellos."
Es folgte der Bruch mit Tübke. Ohne Tübkes Zustimmung hatte er die zentralen Brunnenfiguren des "Bauernkriegspanoramas" an einer Hotelwand nachgemalt. "Viele wollten, dass ich in diesem Stil privat für sie male. Tübke rief an, ich sollte die Arbeiten sofort einstellen. Ich hätte zu ihm fahren und mit ihm reden sollen. Aber ich war naiv, hatte mit Urheberrecht nichts am Hut und nicht den richtigen Anwalt." Immerhin habe Tübke die Brunnenfiguren selbst von Cranach und Dürer entlehnt. Lenk verlor trotzdem vor Gericht. Die Hotelwand mit einem Streitwert von 145.000 DM wurde aus dem öffentlichen Raum verbannt.
"Trotzdem war die Zusammenarbeit mit Tübke wie eine Abkürzung, die ich als Künstler genommen habe", sagt Lenk. Sein altmeisterlicher Stil ist bis heute geblieben. Mythologische Figuren wie Sisyphus, Europa, Diana oder Apollo malt er noch immer mit barocker Präzision und lädt sie mit aktuellen Themen auf. Narr und Harlekin tummeln sich auf seinen Bildern: "Sie sind herrlich, sie sehen etwas und dürfen das auch sagen, aber niemand glaubt ihnen." Private Auftraggeber und Sammler ermöglichen Lenk, von der Kunst zu leben. "Hätte mich der Streit mit Tübke nicht zurückgeworfen, vielleicht wäre mein Leben anders verlaufen", sagt der Künstler, wenn er zurückschaut.