TU München hilft Adorf

Hinfallen - und aufstehen. Das könnte das Motto von Rico Schmidt sein: Der Bürgermeister will sich nicht abfinden mit schrumpfender Einwohnerzahl und leerstehenden Häusern. Jetzt bekommt er prominente Hilfe.

Adorf - Nach Ostern rückt Professor Florian Nagel mit Architektur-Studenten von der TU München an, um Vorschläge zu machen, wie besonders schlimme Ecken der Stadt aufgewertet werden könnten: leerstehende Häuser und Baulücken - kommunales Eigentum ist nicht zwingend.
"Für die ,Wolfsschlucht‘ zum Beispiel erhoffen wir uns Nutzungskonzepte", sagte Bürgermeister Schmidt in einem Pressegespräch. Der Schandfleck am Markt, Ecke Mittelstraße, war früher Hotel/Gaststätte und beherbergte später ein kleines Geschäft. Heute ist es beschmiert und weist Einschusslöcher auf.
Auch die Häuserzeile in der Lessingstraße (gegenüber der Oberschule) könnte von den Studenten bearbeitet werden, Plattenbauten in der Schillerstraße oder die Baulücke in der Reinhold-Becker-Straße.
"Selbstverständlich bekommen wir von den Studierenden keine fertigen Konzepte mit Planungen und Finanzierungsvorschlägen", meinte Schmidt. "Aber Anregungen, wie sich die jungen Menschen unsere Stadt vorstellen und welche Wohn- und Nutzungsmöglichkeiten zeitgemäß sind." Die Ideen könnten Impulse für Planungen geben - und (im besten Fall) Investoren anlocken.
Professor Nagler rechnet nach eigenen Worten mit 20 bis 25 Studenten, die in kleinen Arbeitsgruppen die Objekte in Adorf bearbeiten: Geplant sei ein längerer Aufenthalt. "Die Arbeitsgruppen fotografieren, dokumentieren, erstellen Aufmaße und Pläne. Und sie machen Umfragen bei den Leuten: Wie ist der Bedarf? Welche Wünsche gibt es? Dabei soll Altes erhalten und gleichzeitig mit neuen Ideen verbunden werden für Wohnen und andere Nutzung." Zum Dialog mit der Bevölkerung gehöre ein öffentlicher Workshop und am Semester-Ende eine Ausstellung, die die Studienarbeiten (samt Modellen) zeigt.
Der Professor führt mit seiner Frau ein Architekturbüro mit 25 Leuten. Nach seinem Bekunden hat er ein Faible für den oft vernachlässigten ländlichen Raum. Vieles an den Unis sei zu Unrecht auf die Stadt fokussiert. Dem wolle er gegensteuern:
In der Vergangenheit habe er bereits drei Projekte auf dem "Land" realisiert - jedes mit anderen Herausforderungen: Im "betuchten" Miesbach am Schliersee in Oberbayern, waren Vorschläge gefragt, dichter (also ungewohnt mehrstöckig) zu bauen. Im oberfränkischen Tettau an der Grenze zu Thüringen stehen viele Häuser leer - und Lehrlinge finden dennoch kein Zimmer. Und in Weismain (Oberfranken) galt es, Vorschläge für eine alte Brauerei zu erarbeiten.
Ganz anders in Adorf: Die Stadt mit ehemals 8000 Einwohnern zählt heute keine 5000 Einwohner mehr, die Geburtenzahl ist weiterhin kleiner als die Zahl der Sterbefälle. Bürgermeister Schmidt sieht dennoch Positives: "In den letzten Jahren hatten wir mehr Zu- als Wegzüge. Es gibt Nachfrage nach saniertem Wohnraum."
Adorf ist eine von acht Kommunen in Deutschland, die fünf Jahre bei der Gestaltung des demografischen Wandels durch die "Demografiewerkstatt Kommunen" (DWK) unterstützt wird.
Innerhalb dieses Projekts erfolgten große Befragungen unter der Adorfer Jugend und der Bevölkerung. Es wurde eine Sommerakademie für angehende Ärzte veranstaltet, um ihnen die Stadt schmackhaft zu machen- und jetzt kommt Professor Florian Nagler, der laut Adorf als einer der renommiertesten europäischen Architekten für Planen und Bauen im ländlichen Raum gilt und der den Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren an der TU München leitet. ufa