Trompetenklänge erklingen in luftiger Höhe

Alles Gute kommt von oben - davon können sich die Plauener fast jeden Mittag überzeugen, wenn Kantor Heiko Brosig vom Turm der Johanniskirche die Trompete bläst.

Von Mario Wild

Die Corona-Krise ändert das berufliche Leben von Kantor Heiko Brosig. Keine Konzerte, keine Chorproben, kein Unterricht. Aus der Übung kommt der 48-Jährige dennoch nicht. Jeden Mittag bläst er kurz nach dem 12 Uhr-Läuten hoch droben die Trompete - sechs Stücke aus dem Gesangbuch in knapp einer Viertelstunde. Das freut viele Plauener, die vor dem Gotteshaus stehen oder auf den Bänken - beispielsweise auf dem Altmarkt - sitzen. Und in der Nachbarschaft wird so manches Fenster geöffnet - in freudiger Erwartung auf die Trompetenklänge. An positiven Reaktionen mangelt es nicht. Die erreichten Brosig per Mail, Brief oder über die sozialen Netzwerke. Im Gästebuch der Johanniskirche heißt es ebenfalls "Danke, Herr Brosig". "Am Dienstag hat mir sogar jemand ein Osternest ans Auto gesteckt", so der Kantor, der mehrere Kirchgemeinden betreut.
Im Mittelpunkt stehen - das will er nicht mit seiner Aktion. Vielmehr möchte er etwas zurückgeben. "Die Trompetentöne sind eine Äußerung kirchlichen Lebens in diesen Zeiten", so Brosig mit Demut. Am 15. März fiel erstmals der sonntägliche Gottesdienst aus - drei Tage später startete er seine Aktion. Diese kam schnell gut an. "Das musst du wohl jetzt immer machen", so Pfarrer Hans-Jörg Rummel. Immer nicht - aber immer öfters. Fünfmal die Woche (montags bis donnerstags und samstags oder sonntags) erklimmt Brosig die Treppen zum Kirchturm. Auch in sportlicher Hinsicht kein Problem, denn er ist nicht nur musikalisch fit. Freitag für Freitag ist Wandern angesagt - bis zu 70 (!) Kilometer. Auch das ist in Corona-Zeiten bekanntlich schwer zu bewerkstelligen. Nicht nur deshalb hofft Kantor Brosig auf eine baldige Normalisierung - auch wenn dann die mittäglichen Kirchenkonzerte der Vergangenheit angehören werden. Seine besinnlichen Trompetenklänge passten "in diese ruhige Zeit" - ohne Fluglärm und weniger Motorgeräusche als gewöhnlich".
Brosig ist nicht der einzige Kirchenmusiker, der sich etwas einfallen lassen hat. Stellvertretend genannt sei die Aktion, die Steffen Kollwitz, Posaunenchorleiter der Markuskirche, Ostersonntag, 10 Uhr, initiiert hat. Rund 40 Posaunenbläser waren in Zweiergruppen unterwegs und musizierten an rund 20 Plätzen - nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in Steinsdorf, Jößnitz oder Oberlosa. So biete die Situation eine Chance für die Kirchen, Menschen zu erreichen, die sonst nicht den Weg in Gotteshäuser finden. Auch Kirchenmusiker Brosig schafft das dank seiner Trompetensoli. An die haben sich nach Anfangsschwierigkeiten auch die Dohlen im Kirchturm gewöhnt. Rund 14 Tage hats gedauert. "Erst haben sie protestierend Krach gemacht, mich angeflogen und sogar mit Zweigen beworfen. Inzwischen akzeptieren sie mich und meine Musik", lacht Brosig. Seine Trompetenklänge sind eben Balsam für die Seele - für Menschen und Dohlen.