Totes Kind - und keiner will's gewesen sein

Die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und den beiden Verteidigern sind gehalten. Haftstrafe fordern alle, doch über die Höhe gibt es unterschiedliche Auffassung, zumindest was den Angeklagten Jürgen Sch. betrifft. Am kommenden Montag will das Landgericht Zwickau sein Urteil im Prozess um den Tod des zweijährigen Karsten verkünden. 

 

Am Beginn des gestrigen Verhandlungstages war Rechtsanwalt Herbert Posner erneut mit seinem Antrag gescheitert, Zeugen auch aus dem Umfeld seines Mandanten zu hören. Auch einer neuerlichen psychiatrischen Begutachtung von Jürgen Sch. durch einen weiteren Sachverständigen stimmte der Vorsitzende Richter Klaus Hartmann nicht zu. Damit setzte er zugleich einen Schlusspunkt unter die Beweisaufnahme, von der Verteidiger Posner überzeugt ist, dass sie seinen Mandanten benachteiligt habe. Kritik übte der Anwalt daran, dass die Anhörung mehrerer Zeugen aus dem Umfeld des Mannes, darunter seine ehemalige langjährige Lebensgefährtin, vom Gericht abgelehnt worden sei. Ein vollständiges Bild von der Person des Angeklagten habe sich die Strafkammer so nicht machen können. "Jürgen Sch. war von Anfang an der Buhmann des Verfahrens", kritisierte Posner.

 Im Falle einer Verurteilung wegen Totschlags will der Anwalt wegen Verfahrensmängeln am Bundesgerichtshof Revision einlegen. Zugleich unterstrich Posner, selbst Vater eines Sohnes, dass es ihm nicht vordergründig darum gehe, für Jürgen Sch. ein milderes Urteil zu erreichen, sondern "um ein Maß an Gerechtigkeit in einer Strafsache die außer den Tat-Beteiligten keine Zeugen hat".

 Für Posner ist der aus Nordrhein-Westfalen stammende Lebensgefährte, den die Plauenerin erst kurze Zeit vor Karstens grausamen Tod per Internet kennen gelernt hatte, nicht das "alleinige Ungeheuer", als das die Mutter ihn im Prozess dargestellt habe. Vielmehr habe sie gegenüber dem Gutachter eingeräumt, ihren Sohn einmal auf den gewindelten Po geschlagen zu haben. Trotz ihrer verminderten Schuldfähigkeit auf Grund ihrer Intelligenzdefizite sei nicht auszuschließen, dass sie hierbei gelogen und ihr Kind ebenfalls wiederholt geschlagen habe.

 

"Wenn sie, wie der Gutachter einschätzte, dazu neigt, fremdes Regelwerk unkritisch zu übernehmen, dann ist es doch auch leicht möglich, dass sie im vorauseilenden Gehorsam dieses auch bei der Erziehung des Kindes tat. Ich bin überzeugt, dass auch sie den Jungen geschlagen hat." Posner geht davon aus, dass die Mutter den Zweijährigen am Abend vor seinem Tod massiv geschüttelt und damit dessen Tod herbeigeführt hat. "Sie hat selbst auf Nachfrage gesagt, dass sie in jener Gewitter-Nacht in dem Zimmer war, um Karsten zu trinken zu geben."

 

Außerdem sei auch die Angeklagte rein kraftmäßig in der Lage gewesen, das Kind so massiv zu schütteln. "Mein Mandant hatte geschildert, dass er zunächst einen dumpfen Schlag und wenig später das Kind röcheln gehört habe. Daraufhin habe er den Jungen aus dem Bettchen genommen, Wiederbelebungsversuche unternommen und die Angeklagte aufgefordert, den Notarzt zu rufen. Damit ist kein Vorsatz für Totschlag zu erkennen", sagte Posner. Der Verteidiger des 36-Jährigen plädierte dafür, seinen Mandanten nur für die Misshandlung von Schutzbefohlenen zu belangen. Den Strafrahmen ließ er offen. Jürgen Sch. ist wegen Betruges vorbestraft.

Oberstaatsanwalt Holger Illing beantragte für beide Angeklagte eine Freiheitsstrafe, wobei das Strafmaß für die Kindsmutter wegen einer verminderten Schuldfähigkeit und einer passiven Tatbeteiligung geringer ausfallen sollte. Illing beantragte für Sandra Sch. drei Jahre und sechs Monate Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Ihr Lebensgefährte solle wegen Totschlags für zehn Jahre ins Gefängnis. Der ursprünglich gegen beide erhobene Vorwurf des gemeinschaftlichen Mordes war am vorletzten Verhandlungstag fallengelassen worden. Nach Meinung der Anklage habe Jürgen Sch. die Beziehung dominiert.

 

 "Mit seinem Auftauchen änderte sich das Leben von Sandra Sch. grundlegend. Der gute Kontakt zu den Eltern und zu der Betreuerin bricht plötzlich ab. Einzige Bezugsperson ist der Angeklagte, mit dem sie sich in kurzer Zeit verlobt hat. Der Angeklagte konnte in der Beziehung schalten und walten wie er wollte", sagte Illing und Jürgen Sch. sei auch bei den schweren Misshandlungen des Kindes der Akteur gewesen. "Als Karsten zunehmend bockig auf ihn reagierte, hat er den Jungen mit Gewalt erziehen wollen. Weil dies nicht fruchtete, sind die Schläge immer massiver geworden. Und auch, als das Kind bei Fotoaufnahmen am 12. Juli schon immer umfiel, hat er Karsten in der Nacht nochmals so heftig geschüttelt, dass dieser am 14. Juli 2010 an einem Schütteltrauma starb." Dabei habe der Angeklagte den Tod des Jungen zumindest billigend in Kauf genommen.

 Die Mutter hat sich nach Auffassung der Staatsanwaltschaft durch Unterlassen aus Angst vor einem Auseinanderbrechen der Beziehung zu ihrem neuen Freund schuldig gemacht. "Sie hat ihr eigenes Glück über die Gesundheit und das Leben von Karsten gestellt", sagte Illing. Ihr Verteidiger, Andre Steuler räumte in seinem Plädoyer ein: "Ihre Garantenstellung als Mutter hat sie verletzt." Auch er sagte, dass sich Sandra Sch. auf Grund ihres Charakters, dem neuen Freund unterordnete und keine eigenen Entscheidungsspielräume mehr gehabt habe. Der Anwalt der 32-Jährigen schloss sich den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an und erklärte sich mit einer "milden Freiheitsstrafe" für seine Mandantin einverstanden.

 In ihrem letzten Wort, das sie ablas, sagte Sandra Sch. unter Tränen, dass sie zutiefste bereue, sich auf Jürgen S. eingelassen zu haben. "Ich werde niemals vergessen, was er meinem Kind angetan hat. Ich hoffe, dass ich mein Kind im Himmel wiedersehen werde." Auch werde sie der Schmerz über den Verlust ihres Kindes "ein Leben lang begleiten." Jürgen S. sagte ebenfalls, dass es ihm leid tue "und ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist". Eine emotionale Regung war dabei, wie auch schon während des gesamten Prozesses, bei ihm nicht zu spüren.

Nachdem schon Verteidiger Posner in seinen Schlussausführungen sagte, dass "ein solches Verfahren es wert ist, dass man sich gründlich Gedanken macht", hatte auch der Vorsitzende Richter die Urteilsverkündung erst auf den kommenden Montag, 14 Uhr, festgesetzt.  M. T.