Torsten Händler ist Plauens neuer Ballettdirektor

Plauen - Auf die erste, nicht ganz ernst gemeinte Frage, weiß Torsten Händler keine Antwort. Nicht mal raten möchte er. Es geht darum, ob er eine Ahnung habe, wie viele Clicks man angezeigt bekommt, wenn man seinen Namen "googelt".

 

Es sind rund 123 000. Was etwas darüber aussagt, wie bekannt der Mann in Deutschland und darüber hinaus ist. Und auch die Plauener und Vogtländer, vor allem die Kulturfreunde, wissen seit über einem halben Jahr durchaus etwas mit dem Namen Händler anzufangen. Einige von ihnen werden seine jüngste erfolgreiche Choreografie des Balletts "Cinderella" gesehen haben.

Händler könnte leicht abgehoben sein, seine bisherige berufliche Karriere gäbe das her. Er könnte stundenlang über die physischen Anstrengungen des Tanzens und die damit verbundenen psychischen Herausforderungen schwadronieren. Aber er tut es nicht. Stattdessen sitzt der Ballettdirektor des Theaters Plauen-Zwickau vor seinem großen Pott Milchkaffee, rührt ihn ab und an um, und gibt den netten Schlacks, der scheinbar nie altert. Falsch. Er gibt ihn nicht, er ist es. Sympathisch, unaufgeregt, gibt er Einblicke in seinen Beruf, mit dem er eigentlich schon als Zehnjähriger begann. Da begann seine Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule Berlin. Sieben Jahre lang. Blöde Bemerkungen von den Mitschülern? Keine. "Wie lebten ja im Internat, hatten alle das gleiche Ziel", erinnert sich Händler. Und dass die Eltern anfangs dagegen waren, weil er von zu Hause weg musste. Von Rosslau bei Dessau, wo er schon im Kinderballett tanzte.

700 Kinder hatten sich an der Ballettschule beworben, 25 wurden genommen. Das kann man mit stolz geschwellter Brust sagen, man kann es wie Händler aber auch relativieren. "Die meisten Bewerber waren Mädchen, Jungen wurden immer gebraucht." Von der Sonnenseite des Lebens scheint er nicht wegzubekommen, wenn er selbst auch von Tiefen spricht. Direkt von der Schule weg wurde er an der Staatsoper Berlin engagiert. Macht sich gut auf der Visitenkarte, hätte es damals welche gegeben. Händler sieht es selbst im Nachhinein gelassen. "Ob großes oder kleines Haus hat manchmal nichts zu sagen. An größeren gibt es weniger große Rollen. Ich habe mir einige Jahre gegeben und wenn ich meinen Platz nicht gefunden hätte, wäre ich woanders hingegangen". Er fand seinen Platz. Als Solo-Tänzer. Rückblickend seine beste Zeit? Die beste Zeit - Händler überlegt nur kurz - sei die, die gerade ist, die Rolle, mit der man sich gerade beschäftige. Mit der Ballett-Legende Rudolf Nurejew stand er gemeinsam auf der Bühne in "Dornröschen", natürlich in einer Solo-Rolle.

  Zweijähriges Studium in Kiew   Als 17-Jähriger bekommt er eine Chance, gegen die er sich erst mal wehrt. Händler hatte bereits nationale Ballettwettbewerbe in der DDR gewonnen und sollte nun ein Zusatzstudium in Kiew absolvieren. "Ich wollte aber unbedingt ans Theater, ich wollte auch nicht die Sprache lernen", lächelt Händler. Nach zwei Jahren konnte er sie und lernte aus nächster Nähe kennen, was selbst der Laie zu wissen glaubt. Dass in Russland das Ballett, vor allem das klassische, einen ganz anderen Stellenwert hat als in Deutschland, auch in der Öffentlichkeit. Während seiner Zeit an der Staatsoper gastiert er immer wieder an anderen Häusern - in Gera, Karl-Marx-Stadt, später Dresden. Stets als Solotänzer. "Ich sehe das nicht als Adelung, in kleinen Häusern ist jeder Solist", setzt er einen Punkt unter das Attribut Superstar.

  Mit Körper Geschichten erzählen   23 Jahre hat er selbst getanzt. Seine Berufsjahre in Berlin hätten für den Status "unkündbar" gereicht. Aber in seinem Beruf wisse man auch, dass man ihn nicht bis zur Rente ausübe. "Hätte ich beispielsweise als Ballettmeister weitergemacht, wäre ich finanziell abgesichert gewesen, aber das wollte ich eigentlich nicht."

Nach der Wende begann er mit befreundeten Tänzern zu Choregrafieren, veranstaltete entsprechende Abende in der Akademie der Künste. "Von den Einnahmen haben wir die Miete bezahlt." Doch da des Künstlers Brot sowieso die Anerkennung ist, wurde er gut genährt. Vom berühmten Theatermann Langhoff kam die Einladung nach Stuttgart, wo der Meister einen Mozartzyklus vorbereitete und einen choreografischen Mitarbeiter brauchte. Als Tänzer musste er sich tagein, tagaus quälen. Ist er selbst zum "Schleifer" geworden? Quälen? Schleifer? "Man muss diesen Beruf wollen. Ohne Instrument, ohne Sprache, nur mit dem Körper eine Geschichte zu erzählen macht toll Spaß. Wenn man selbst es nicht will, nimmt man auch die körperlichen Anstrengungen nicht auf sich."

Zweiter Versuch. Ist der Ex-Tänzer als Chef ein harter Hund? "Ich habe viel Geduld. Ist ein gewisser Punkt überschritten, gibt es keine Kompromisse mehr. Aber eigentlich geht es darum, dass jemand den Willen hat, auf der Bühne zu arbeiten, ich will niemand davon überzeugen müssen." Viele Jahre Berlin, fünf Jahre in Chemnitz. Wo hat er den sprichwörtlichen Koffer noch stehen? Der größte, besser gesagt der Wohnsitz seiner Familie, steht in Leipzig. Seit seinem Engagement am hiesigen Theater hat er sich eine kleine Zweitwohnung in Zwickau gemietet.

Nun also Gegenwart. Händler gehörte zur viel zitierten Entourage des Generalintendanten, als der von Zittau nach Plauen wechselte. Gehörte er eigentlich nicht. "Wir kannten uns nicht, May hatte sich Sachen von mir in Chemnitz angeschaut und dann gefragt, ob ich Interesse hätte." Die Anfangsdiskussionen der Plauener um "ihr" Theater hat er natürlich mitbekommen. "Sachliche Auseinandersetzungen sind immer wichtig", findet er.

  Nicht an den Erfolg denken   Inzwischen ist Händler, auf jeden Fall künstlerisch, in der Region angekommen. Veranstaltete unlängst in Zwickau ein Wochenende unter dem Titel "Zwickau tanzt". Sieben verschiedene Veranstaltungen, das Interesse überwältigend. Ähnliches werde man im nächsten Jahr in Plauen anbieten, avisiert er. Vielleicht auch das Tanzprojekt "55 plus", mit dem er in Chemnitz erfolgreich war.

 

20 ältere Menschen sollten und waren dazu bereit, ihre Lebenserfahrung tänzerisch umzusetzen. Spannende zweieinhalb Jahre für alle Beteiligten, resümiert Händler, und kann sich auch noch an die älteste Tänzerin erinnern, die 82-jährige Elfriede. Sein Erfolgsrezept? "Nicht an den Erfolg zu denken. Einen eigenen Weg für das Erzählen der Geschichte zu finden." Händler hat einen Dreijahresvertrag. "Eine gute Zeit, etwas aufzubauen", sagt er. Eine ganz sicher ausreichende Zeit, dass ihn die Plauener danach mit Bedauern wieder ziehen lassen würden. tp