Topfgucken erlaubt am Amtsberg

Förmlich überrannt wird alljährlich um diese Zeit die Berufsfachschule am Amtsberg von Besuchern aus ganz Deutschland. Dann ist nämlich Tag der offenen Tür in Klingenthal.

Von Helmut Schlangstedt

Klingenthal Interessantes Werkeln erwartet Besucher am Amtsberg in der Berufsschule. Riesengroß ist das Interesse, alles über den Beruf des Geigen-, Gitarren- sowie des Handzuginstrumentenmachers zu erfahren.
An diesem Tag schauen selbst viele Klingenthaler gern vorbei, denn das Entertainment kommt mit musikalischen Darbietungen der Azubis, diversen Imbissangeboten, einem Preisrätsel und einem großen Abschlusskonzert ebenfalls nicht zu kurz.
Zu den Musizierern, die am Samstag eine Probe ihres Könnens zeigten, gehörte auch Jonas Osdrowski, Akkordeonbauer im ersten Lehrjahr. Geboren wurde er interessanterweise in Friedrichroda, in dem 1805 auch der Instrumentenbauer Christian Friedrich L. Buschmann zur Welt kam. Er entwickelte bereits 1822 in sehr jungen Jahren die "Handaeoline", einen Vorläufer von Harmonika und Akkordeon und war zugleich ein Pionier der Mundharmonika. Und auch Jonas begann schon mit fünf Jahren Akkordeon zu spielen, wobei er wie viele andere über das Instrument zu seinem künftigen Beruf kam. Allerdings eher spontan, denn vor seinem Abitur hatte er überhaupt noch keine Ahnung, wie es danach weitergehen sollte. Ein Freund hatte ihm damals von einem Orgelbauer in seinem Wohnort Waltershausen berichtet, worauf er sich über den Orgelbau informierte. Mit Blick auf sein Instrument kam ihm dabei allerdings die Idee, dass er statt Orgeln doch genauso gut Akkordeons bauen könnte, woraufhin er sich in Klingenthal im Februar des letzten Jahres hier bewarb. Der Ort war ihm vom Hören durch den Akkordeonwettbewerb bekannt. Zum Tag der offenen Tür wenige Tage später war er dann erstmals in Klingenthal, um sich in der Schule alles einmal anzusehen. "Prima war's", meint er und bezieht das ebenso auf seine jetzige Ausbildung.
Dabei zeigt er das Akkordeon mit 48er Bass, das er neben einer Konzertina bereits im ersten Lehrjahr komplett bauen muss. Und Reparaturen sind ebenfalls von Anfang an angesagt. Nach der Lehre würde er gern im Ausland arbeiten aber zuvor noch seinen Meister machen, wozu in Markneukirchen die besten Voraussetzungen bestehen. Vor allem gefällt ihm, dass in Klingenthal als einzigem Ort in Deutschland die gesamte Ausbildung aus einer Hand in der Schule erfolgt.
Ausbilder und Meister Andreas Schertel, der auch eine eigene Akkordeonreparaturwerkstatt betreibt, weist noch auf eine andere Besonderheit der Ausbildung hin. Hier ginge es nicht nur um das Erlernen der handwerklichen Fähigkeiten sondern auch um das Erarbeiten und Ausprobieren eigener Problemlösungen - Fehler erlaubt. Ansonsten würde in der Schule alles vermittelt, so dass Akkordeonbauer ganz allgemein wirklich beste Berufschancen hätten, verrät er aus eigener Erfahrung und macht den Besuchern und ihren Kindern Mut, diesen Beruf zu ergreifen. Selbst die Einrichtung einer eigenen Werkstatt irgendwo sei kein großes Problem. Und anders als bei Gitarren- und Geigenbau hätte man beim Handzuginstrumentenbau wegen der geringeren Nachfrage auch gute Chancen zur Aufnahme in die Schule.
Spricht's und geht wieder zu seinem Kochtopf, wo die Besucher gerade neugierig ihre Nasen hineinstecken. Dort stellt er das Spezialwachs für das Aufkleben der Stimmplatten aus sechs Zutaten nach einer Rezeptur von Experten des Klingenthaler Harmonikawerkes in den 1960er Jahren her: Lerchenharz, Bienenwachs, Kolophonium, Standöl, Ozokerit und Ceresin.
"Hält garantiert mindestens ewig", schmunzelt Andreas Schertel beim Rühren und ermuntert die Besucher, sich als Souvenir eine gegossene Platte mit Muster aus diesem Wachs mitzunehmen.