Tohuwabohu - wie gedruckt

Ja? Nein? Vielleicht? Das Durcheinander um die Corona-Impfstoffe geht weiter. Jetzt greift die Bundesregierung zu freiwilligem Zwang. Und ein Pharma-Konzern zu sonderbaren Methoden. Ärzte protestieren.

Von Uwe Faerber

Plauen -  106 niedergelassene Ärzte des Vogtlands beteiligen sich an den Schutzimpfungen gegen Corona. "Sie hatten begonnen, die bestellten 23.400 Impfdosen zu verimpfen - jeder Erwachsene, der wollte, und immer AstraZeneca", sagt einer von ihnen, der Hausarzt und Immunologe Dr. Udo Junker aus Plauen.
Kurz vor Ostern kam die Empfehlung, AstraZeneca nur für Ü60 zu verwenden. "Das hat dazu geführt, dass keiner meiner Patienten mehr AstraZeneca will. Ich hatte 400 Dosen geordert, 100 verimpft und sitze jetzt auf 300 Impfdosen. Vielen meiner Kollegen geht es ebenso", berichtet Junker, der die Skepsis verstehen kann, auch wenn sie nach seiner Meinung unbegründet ist. Ungeklärt sei zudem, wer für die bestellten, aber nicht verbrauchten Impfdosen bezahle, die 12 Euro kosten.
Aber das Impfen müsse trotzdem weitergehen - also mit BioNTech, 20 Euro pro Dosis. Junker habe am 6. April bestellt - zwölf Dosen. Am 12. April sei die Lieferung angekommen. "Aber es gibt keine Aufkleber mit der Chargen-Nummer für die Impfausweise der Patienten. Doch zu diesem Nachweis bin ich laut Gesetz verpflichtet."
Wie kommt der Arzt zu den Aufklebern? Junker ist nach eigenen Worten gezwungen, etwas zu tun, was dem Datenschutz zuwiderläuft: "Ich muss mich auf der Homepage von BioNTech anmelden, auf E-Mail-Antwort warten und kann dann Aufkleber bestellen, die nach drei Tagen bei mir ankommen. Das ist völlig ungewöhnlich. Bei Impfstoffen habe ich das noch nie erlebt: In jedem normalen Fall sind fälschungssichere Aufkleber dabei", erklärt er.
Anders im vorliegenden Fall: Laut Junker sind die BioNTech-Aufkleber nur Rohlinge. "Ich muss die Chargen-Nummer selbst draufdrucken. Dabei können Fehler passieren und es ist eine Möglichkeit zu betrügen: Ich könnte Leuten leicht eine Impfung attestieren, die nicht geimpft werden wollen, jedoch einen Nachweis wünschen."
Für Junkers Verständnis ist das ungesetzlich. Und noch eins: "Normalerweise bestellt ein Arzt via Apotheke beim Großhändler. Kontakt zum Hersteller besteht nicht. Jetzt bekommt BioNTech Zugriff auf die Praxisdaten jedes Arztes. Ich habe mich deshalb an den Datenschutzbeauftragten des Bundes gewandt", erklärt er. "Der Missstand betrifft die ganze Bundesrepublik." Dennoch wollte der Mediziner für kommende Woche 48 Impfdosen BioNTech bestellen. Am Dienstag habe das Bundesgesundheitsministerium mitgeteilt, niemand könne nur BioNTech bestellen: Jeder Besteller bekomme sowohl BioNTech als auch AstraZeneca und zwar im Verhältnis 3 Dosen BioNTech und 5 Dosen AstraZeneca. "Ich wollte 48 Dosen und sollte 18 mal BioNTech erhalten und 30 Mal AstraZeneca. Doch das geht nicht: In meinem Kühlschrank warten bereits 300 Dosen AstraZeneca. Ich habe deshalb meine Bestellung storniert - dafür hatte ich zwei Stunden Zeit."
Wie Junker hinzufügt, haben zwei Drittel der Ärzte ebenfalls storniert, die alle bei seinem Apotheker bestellen. "Damit wird die Impfkampagne nicht so ins Rollen kommen, wie gewünscht."
Junker ärgert sich nach eigenem Bekunden auch darüber, dass sich die Impfzentren den Impfstoff raussuchen können - im Gegensatz zu den niedergelassenen Ärzten. Das sei der Angst geschuldet, die Politiker vor empörten Patienten hätten. Im Impfzentrum entstehe sofort ein großer Auflauf, in einer Praxis sehe es in der Regel keiner.
"Aber so geht das nicht", sagt Junker. "Ich habe gegenüber meinen Patienten aufrichtig zu sein - sonst leidet unsere Beziehung. Und ich kann mich nicht erpressen lassen."

Hintergrund: Was sagen die Verantwortlichen?

Der Vogtland-Anzeiger hat die Verantwortlichen mit den Vorwürfen konfrontiert:

Die kritikwürdigen BioNTech-Aufkleber hält auch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsens für eine Sauerei - ohne das Wort zu benutzen. Vorstandsvorsitzender Klaus Heckemann spricht von einem der offensichtlichsten Fehler der Bundesregierung. Händisch die Chargen-Nummer einzutragen, öffne Betrügereien Tür und Tor.
Aber das Problem wurde am gestrigen Freitag nach seinen Worten gelöst. "Ab Montag gibt es korrekte Aufkleber. Das hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung per Mail mitgeteilt." Bei den Verhandlungen mit den Impfstoffherstellern ist Heckmann zufolge viel schief gelaufen. "Niemand wusste bei der Bestellung, welches Mittel welche Nebenwirkung hat, und welches das hält, was es verspricht. Deshalb hätte man bei drei Herstellern jeweils die Menge bestellen müssen, die ausreicht, 70 Millionen Deutsche zu impfen: Das wären drei Mal 140 Millionen Dosen gewesen - für drei Mal zwei Milliarden Euro Kosten. Die nicht verwendeten Dosen hätte man weiterverkaufen oder an Länder spenden können, die das Geld nicht haben", erklärt Heckemann im Gespräch mit dem Vogtland-Anzeiger. Das hätte viel von dem Durcheinander erspart, das jetzt die Republik erschüttere. Nach eigenem Bekunden wisse er bis heute nicht, wie viel Deutschland wo bestellt habe. Für ihn sei klar, dass da Leute am Werk seien, die keine Ahnung hätten.
Heckemanns Kassenärztliche Vereinigung ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts einerseits eine Art Staatsverwaltung, andererseits Interessenvertretung der knapp 80.000 ambulant tätigen Ärzte Sachsens. Auch zum Problem BioNTech-Bestellung-und-AstraZeneca-Lieferung äußert sich Heckemann - und für ihn sei das kein Problem: "Es handelt sich um die Bestellung einer einzigen Woche, in der der Arzt teilweise AstraZeneca bekommt. Niemand wird dafür finanziell haftbar gemacht. Ab der folgenden Woche kann jeder Arzt genau den Impfstoff bestellen, den er wünscht."

Was sagt BioNTech? Das Pharmaunternehmen teilte am Mittwoch mit, dass es Hunderte Anfragen gebe und die Beantwortung manchmal längere Zeit dauere. Bis gestrigen Freitag ist keine Antwort eingetroffen.

Das Bundesgesundheitsministerium äußerte sich auf Anfrage bisher nicht. ufa