Titanic"-Kapitän geht von Bord

Dieter Roth - der Mann mit dem Hut, erster Theaterintendant in Plauen nach der Wende, Buchautor und Stadtplakettenträger - ist, im Sommer gerade 80 geworden, am Sonntag gestorben.

Von Lutz Behrens

Plauen Dieter Roth war ein Kind der DDR und hat daraus nie einen Hehl gemacht. Sein Vater fällt 1943, die Mutter heiratet wieder, der Knabe wächst in Kleinfriesen auf, einer Vorstadt von Plauen, geprägt von winzigen Ein- oder Zweifamilienhäusern aus den Zwanzigerjahren mit schmalen Gärten zur Selbstversorgung. Die Mutter, Verkäuferin, wird Kaderleiterin eines VEB-Betriebes; der Stiefvater, Schlosser, geht 1988 als Berufsschullehrer in Rente.
Als prägende Erinnerung an die Kindheit bleibt das Friesen-Kino am Gondelteich. Dort entdeckt der Junge staunend die Wunderwelt des Kinos, entsteht sein Wunsch, selbst Schauspieler zu werden. Doch zuerst wird er etwas Vernünftiges: Bergmann - "Wer ist mehr?" und legt an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Leipzig das Abitur ab. Zwei Anläufe, Schauspieler werden zu wollen, scheitern. Er sei "gänzlich ungeeignet" und ließe auch "keinen Ansatz eines Talents erkennen". Roth lässt nicht locker, und wird zum Studium der Regie an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg zugelassen. In der Aufnahmekommission sitzt auch Konrad Wolf, später Präsident der Akademie der Künste der DDR. Er gibt die entscheidende Stimme für Roth ab, wirke doch dieser auf ihn wie "gärender Wein, von dem man nicht wisse, wie er letztlich schmecken würde."


Roths Abschlussfilm "Ritter im Regen", gemeinsam mit Egon Schlegel inszeniert, fällt den Folgen des 11. Plenums des ZK der SED zum Opfer. Die Biografie Klaus-Dieter Roths, des hoffnungsvollen Filmkünstlers und Genossen, erhält einen - nie gänzlich bewältigten? - Bruch. Er kündigt, und beginnt seinen Weg an Theatern der DDR: Potsdam, Meiningen, Rudolstadt, Magdeburg, Eisenach, Weimar, Cottbus; als Regisseur, Oberspielleiter, Schauspieldirektor.


In den Wendezeiten, die Roth eher beobachtend erlebt, muss er sich von den Kollegen am Theater in Cottbus sagen lassen: "Halt dich raus. Du warst ja nur ein armer Mitläufer! Sonst O.K."
Aus der Rückschau wundert er sich über die plötzlich auftauchenden Revolutionäre und "Diener der neuen Sache", bezeichnet sich selbst als einen "linken Idealisten und Träumer".


Mit großer Dankbarkeit empfindet Dieter Roth, dass er in seiner Heimatstadt die Leitung des Stadt- und späteren Vogtland Theaters übertragen bekommt. Sein Credo: Gutes Theater machen, Theater für die Besucher. Das tut er zehn erfolgreiche Jahre lang.


Doch die Zeiten werden härter. Trotz Loewel-Spende (500.000 Mark!), trotz erfolgreicher Theaterarbeit (zum Beispiel "Titanic", "Jesus Christ Superstar" oder "Amadeus") - das Geld wird knapper. Roth gestaltet mit dem Theaterensemble den 100. Geburtstag des Hauses. Er ringt sich die Erkenntnis ab, dass nur eine Fusion mit Zwickau das Überleben des Plauener Theaters sichere.
Er selbst wird - arbeitslos. Er sucht Hilfe, muss aber erkennen, "wie wenig Freunde ich hatte!". Er hoffte "auf die Menschen, die noch im Amte saßen und denen ich treu gedient und geholfen hatte. Nun sah ich ihr wahres Gesicht. Ihr Grinsen! Ihren leeren Blick! Ihr Wegdrehen."


Doch er erfährt auch Hilfe. Er erhält an verschiedenen Theatern Gastaufgaben. Auch als Lehrbeauftragter einer Studienakademie wird er tätig. Wurde er doch an der Berliner Humboldt-Universität Mitte der siebziger Jahre zum Dr. phil. promoviert.
Und er schreibt das empfehlenswerte Erinnerungsbuch "Eine virtuose Lüge - Lebensbekenntnisse eines Provinzkünstlers - Eine ART-Autobiografie", 2007 in zweiter erweiterter Auflage erschienen.
An seiner "tiefen Ehrerbietung und Achtung vor allen Tätigen hinter und auf der Bühne" gibt es nie einen Zweifel. Ebenso wenig wie an seiner "Hochachtung für die vor der Bühne", wie er es 1998 zum hundertsten Geburtstag "seines" Theaters formulierte. Sein Credo: "Theater ist nur für das Publikum wirklich existenzberechtigt."