Tierischer Spaß und Langeweile

Wo sind nur die Menschen hin? Nach wochenlangem Lockdown vermissen Esel Klaus und Pony-Dame Peggy so manche Streicheleinheit von Menschenhand.

Von Cornelia Henze

Klingenthal/Falkenstein Keiner kommt mehr, um ein Schwein zu bürsten. Keiner, um Ponyhengst Blitz die Mähne zu sauseln. Keiner, um Faxen vor dem Gehege der Rhesus- und Weißbüschelaffen zu machen, und keiner, der dem Hirsch einen Leckerbissen zusteckt. "Unsere Tiere leiden nicht, bekommen täglich Futter und Pflege, aber die Interaktion mit unseren Besuchern fehlt schon", sagt Klingenthals Tierpark-Chef Tino Richter. Was Richter landläufig "bespaßen" nennt, heißt in der Fachwelt Enrichment und bedeutet auch so viel wie "Tierbeschäftigung". Denn dass Pferd und Erdmännchen nicht vom Brot allein leben, ist dem Tierparkleiter klar. Besonders die Tiere aus dem Streichelzoo, wie Pony, Esel und Ziege sind es gewohnt, dass Kinder ins Gehege kommen, über ihre Mähnen und Rücken streicheln, sie mal durch den Tierpark führen oder zur Mistgabel greifen. Diejenigen, die eine Patenschaft übernommen haben, dürfen dann und wann mal ins Gehege und ihrem Patentier ganz nahe sein. Mit dem Lockdown ist all das vorbei, und die fünf Tierpfleger sind derzeit nicht nur Fütterer und Gehegeputzer, sondern auch als Bespaßer tätig. Besonders die Erdmännchen stehen auf Spiele: Da tobt die Erdmännchenkönigin mit ihrem Gefolge im Bällebad, und alle trainieren das Reinkrabbeln in eine Transportbox. Aber auch den Menschen fehlen die Tiere, wie vielleicht dem behinderten Kind, das mit den Eltern regelmäßig zu den Affen kam. Richter: "Wir haben gemerkt, wie das Kind sich gefreut hat und aus sich heraus gegangen ist." Pragmatischer sieht das Langeweile-Problem bei Tieren der Falkensteiner Tierarzt Veit Müller, der seit 30 Jahren die Bewohner des Tierparks Falkenstein medizinisch betreut. "Dem Stachelschwein wird es Wurst sein, ob da Leute am Gehege sind oder nicht", meint Müller. Anders sieht es bei den Streicheltieren und Affen aus. Affen reagierten auf jeden Fall. Die suchten sich auch gezielt Personen aus zum Interagieren. Auch Bären und Kamelen könnten auf menschliche Spielkameraden verzichten, wenn sie noch Artgenossen um sich haben. Das Leben der Wüstentiere kennt Veit Müller mindestens seit 18 Jahren ganz genau, hat er doch damals ein Tierpark-Kamel zu Hause bei sich hochgepäppelt. Dort lebt es noch immer, inzwischen mit einem zweiten Kamel zur Gesellschaft.
Die meisten Tiere, die in Gruppen unter Artgenossen leben, vermissen die Menschen eher nicht, und im Winter gebe es eh weniger Besucher, sagt Falkensteins Tierparkchef Michael Gottschald. "Nur unsere zugelaufene Katze findet es vielleicht zu ruhig. Sie läuft Besuchern gerne hinterher."
Auf Menschen verzichten kann auch der europäische Ziesel: Der hält im Klingenthaler Tierpark gerade Winterschlaf und ist auch sonst als eher scheu bekannt.