Tierisch seltene Begegnung

Von Renate Wöllner

Als die Rentnerin in der Nähe der Umgehungsstraße den Hutträgern nachspürte, hörte sie es am Wildschutzzaun rascheln. Beim Nähergehen sah sie, dass dort ein Vogel vergebens versuchte, aus dem Draht zu entkommen. Es gelang Frau Dittrich den offenbar kurz traumatisierten Gefiederträger zu greifen und zu befreien. Was sie da in Händen hielt, hatte sie noch nie gesehen, einen taubengroßen Vogel mit bemerkenswert langem Schnabel. Leider hatte sich das Tier am Kopf verletzt. Siegfried Gonschorek wird gerufen - der einstige Naturschutzbeauftragte des Vogtlandkreises (31 Jahre lang) ist in Bad Brambach zuhause.
Nachdem Corinna Heinrich aus Bad Elster das Ehrenamt übernommen hat, arbeitet er als Naturschutzhelfer. Gonschorek identifiziert den Findling als Waldschnepfe. "Ich habe mich riesig gefreut. In meinem langen Leben als Ornithologe war es das erste Mal, dass ich eine lebende Waldschnepfe in der Hand hatte", erzählt er am Telefon. "Frau Dittrich hat sich vorbildlich verhalten", lobt er. Die Waldschnepfe sei vermutlich unabsichtlich aufgeschreckt worden und dann in Panik in den Drahtzaun geflogen.
Der Vorfall erinnere ihn an den Bericht eines Försters, der eine tote Waldschnepfe gefunden hatte - verfangen in einem Forstzaun. Bei der Lebensweise der Vögel werde Draht zum Problem. Denn zu 90 Prozent ernähren sich Waldschnepfen tierisch, picken mit dem langen Schnabel Würmer, Insekten, Larven und Schnecken vom Waldboden, ab und zu ergänzen Sämereien den Speisezettel, erklärt der Ornithologe, der Wildvögel auch beringt.
"Ich habe die Waldschnepfe eineinhalb Tage gepflegt und dann im Laubmischwald 'rausgelassen", kommt er zum guten Ende der Geschichte. Erwartet habe er, dass sich der Vogel im weichen Laub zu Fuß aus dem Staub macht. "Aber nein, er ist gleich kraftvoll losgeflogen", staunt der Naturfreund noch im Nachhinein. Die hierzulande brütenden Waldschnepfen dürften inzwischen in wärmere Regionen gezogen sein.
Der Bestand der Art sei stark zurückgegangen, berichtet der Vogelexperte. Ein Grund - neben Umwelteinflüssen - sei die Jagd. Bis auf wenige Ausnahmen wird die Waldschnepfe in der Europäischen Union bejagt - hauptsächlich im Herbst.
In der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands von 2015 wird die Art auf der Vorwarnliste geführt.