Thomas Mann beschwerte sich nicht

Katia und Thomas Mann fuhren am 31. Juli 1949 in einem riesigen, schwarzen Buick durch Plauen. Ihr Ziel: Weimar. Nach Frankfurt am Main im Westen, der Geburtsstadt Goethes, sollte im Jahr des 200. Geburtstages des Dichters, auch die thüringische Klassikerstadt im Osten Deutschlands besucht werden.

Von Lutz Behrens

Seine erste "Ansprache im Goethejahr" hatte Thomas Mann am 25. Juli 1949 in der Paulskirche in Frankfurt am Main gehalten. Er machte darin keinen Hehl aus einem "Affekt des Hasses", den er gegen die "ruchlosen Verderber Deutschlands und Europas" hegte, ein "tödlicher Hass", dessen er sich nicht zu schämen hätte und auf den er nach eigenem Bekunden stolz sein durfte. Er verknüpfte den Untergang des Nazi-Regimes durchaus "mit der nationalen Katastrophe, dem Sturz, der Erniedrigung und Zerreißung Deutschlands". Von gegenwärtiger Fremdherrschaft sprach er, aber auch von der bitteren Wahrheit, dass "die Herrschaft des Ungeistes, die zwölf Jahre über Deutschland lag und aus der dies alles hervorging, schlimmere Fremdherrschaft" gewesen sei.
Bereits 1949, also vierzig Jahre vorher, wusste er um die Endlichkeit der deutschen Teilung in Besatzungszonen, am Ende des Jahres 1949 in zwei deutsche Staaten. Thomas Mann sagte in seiner fast einstündigen Rede: "Eines Tages muss und wird es enden." Für ihn gelte es aber schon heute nicht: "Ich kenne keine Zonen." Er besuche Deutschland als Ganzes. Doch naiv war er nicht. Am Abend nach der Rede fragte er seinen Fahrer, den Schweizer Georges Motschan, der den Buick chauffierte und dem wir die exakten Erinnerungen an diese denkwürdige zeitweilige Rückkehr Thomas Manns nach Deutschland verdanken: "Was glauben Sie, junger Schweizer-Freund, wieviel Blut wohl an all‘ den Händen klebt, die ich heute habe drücken müssen, wieviel?"
Nach Aufenthalten in Frankfurt/Main, Stuttgart, München, Nürnberg und Bayreuth erreichten die Manns die Grenze zur Ostzone in Ullitz bei Hof. Es ist der 31. Juli 1949. Seit dem 23. Mai 1949 gab es die Bundesrepublik Deutschland, am 7. Oktober desselben Jahres wird die DDR gegründet werden. Bereits in Bayreuth waren die Vertreter Ostdeutschlands zu den Manns gestoßen: Johannes R. Becher und Klaus Gysi.
Eigentlich sollte die Route nach Weimar über Wartha bei Eisenach führen, um dort die Grenze zu überqueren. Doch dieser protokollarisch begründete und aufwändig vorbereitete Umweg war den Manns nicht zuzumuten. Es wurde entschieden, über Hof, Plauen, das Hermsdorfer Kreuz nach Weimar zu kutschieren. Damit stand Plauen auf dem Reiseplan. Folgen wir dem Bericht Georges Motschans, so sei die Stadt an diesem Sonntag "bei bleiern-lähmender Hitze menschenleer" gewesen. Eher durch Zufall fiel dem Fahrer auf, dass man auf einer "Thomas-Mann-Straße" fuhr. Als das Johannes R. Becher freudig mitgeteilt wurde, bemerkte der, übers ganze Gesicht lachend; "Nur Potemkinsche Dörfer, alles gestellt!". War aber echt. Zwar ist es heute eher schwer zu erklären, wie man von Hof kommend und die Bahnhofstraße ansteuernd, auf der Thomas-Mann-Straße landen kann, aber diese Straße gibt es bis heute. Sie erhielt 1946 den Namen des Nobelpreisträgers, und im Museumsheft Nr. 36 über die Straßennamen der Stadt Plauen wird brav vermerkt, dass Thomas Mann den Antikommunismus als "Grundtorheit unserer Epoche" bezeichnet habe. Weichen musste als bisheriger Namensgeber Hans Joachim von Ziethen (eigentlich Zieten), preußischer Reitergeneral unter Friedrich II., bekannt auch als Ziethen aus dem Busch. Nebenbei: Bei der nächsten Straßenumbenennung 1990 musste besagter Johannes R. Becher dem Plauener Stadtbaurat Wilhelm Goette Platz machen.
Man fuhr übrigens durch Plauen, weil beschlossen worden war, in einem Lokal zu Mittag zu essen; in einem HO-Restaurant, wie Motschans festhält, ohne das näher zu erklären. 1948 gründete sich in der sowjetisch besetzten Zone (von Adenauer im rheinischen Singsang verballhornt und durch die Information ergänzt, hinter der Elbe begänne bereits Sibirien…) die Handelsorganisation (HO), ein staatliches Unternehmen mit besserem Angebot. Da über Plauen nur zu eruieren war, dass 1951 mit der "Freundschaft" (ehemals Albig) an der Bahnhofstraße die dritte HO-Gaststätte eröffnet worden sei, ist anzunehmen, dass es sich bei dem von den Manns und ihren Gastgebern besuchten Restaurant um den "Vogtlandhof" an der Bahnhofstraße gehandelt haben kann; zumal von einer "Leiterin des Hauses" die Rede ist. In Bayreuth war Thomas Mann das Gästebuch des Hotels Bayerischer Hof, indem man übernachtet hatte, mit der Bitte um eine Eintragung vorgelegt worden. Was er gern tat, aber auch bereute. Zwar hatte man ihm weit in der Mitte des Buches eine Seite anempfohlen, als er aber zurückblätterte, stellte er fest: "Da sind sie ja alle, die ganze Teufelsbrut beisammen, Hitler, Himmler, Goebbels, Göring, alle, alle!"
Besagte Plauener Restaurantleiterin brachte auch ein Buch, das sich aber zur Verblüffung Thomas Manns als Beschwerdebuch entpuppte. Damit wusste er nun gar nichts anzufangen. Mit der ihm eigenen Ironie zog er sich aus der Affäre und notierte: "Habe leider vergebens über Beschwerden nachgedacht, die ich hier vorbringen könnte. Bitte um Entschuldigung. Plauen, den 31. Juli 1949, Thomas Mann."