Theater trotz(t) Corona

Am Plauener Theater hängt ein Banner: Die Künstler fordern, spielen zu dürfen. Ihr Intendant spricht vom Recht auf Kunstfreiheit - und wünscht einen anderen Blick auf die Pandemie.

Plauen - "Ja, wir wollen endlich wieder Vorstellungen geben", sagt Roland May, Intendant des Theaters Plauen-Zwickau. Er hatte Ostern anvisiert, um den Spielbetrieb aufzunehmen - auch um das sanierte Gewandhaus in Zwickau einzuweihen.
Nachdem Ministerpräsident Michael Kretschmer die Öffnung von Theatern Anfang April ausgeschlossen hatte, sprach May vom 16. April. Doch auch daraus wird wohl nichts.
"Wir haben den April abgehakt. Wir müssen abwarten, was die nächste Runde der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin beschließt", sagt May - und kritisiert im Gespräch mit dem Vogtland-Anzeiger die Lockdown-Beschränkungen, die kein Ende nehmen.

Herr May, der Vogtlandkreis zählt mit einer Inzidenz über 300 zur Spitzengruppe in Deutschland, Sachsens Ministerpräsident Kretschmer hat gerade gesagt, dass Lockerungen ein Fehler wären - und Sie wollen das Theater wieder aufmachen?
May: Die Inzidenz ist nur eine Zahl unter mehreren und ich muss die Meinung des Ministerpräsidenten nicht teilen. Man sollte differenzierter vorgehen: Das Theater ist ein sicherer Ort. Unsere Belüftungsanlagen sind auf dem neuesten Stand. In unseren Räumen erfolgte bisher keine Ansteckung.

Sie argumentieren auch mit der Kunstfreiheit, oder?
Das Grundgesetz garantiert, Kunst herzustellen und auszuüben. Der Gesetzgeber muss die Einschränkung begründen und das tut er meiner Ansicht nach nicht nachvollziehbar und verhältnismäßig.

Ist die Summe der Infizierten in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner, die durch die Decke gehen, ein Grund? Deshalb haben die Chefs der größten Krankenhäuser des Vogtlandes auf die Gefahr aufmerksam gemacht, dass die vogtländischen Intensivstationen "überlaufen" könnten.
Der Freistaat Sachsen hat doch eine Grenzmarke bei den Intensivbetten gesetzt, die ist der Maßstab. Ich vermisse aber eine nationale Kraftanstrengung: Wie können die Kapazitäten erweitert werden? Wie kann die bessere Bezahlung der Pflegekräfte gewährleistet werden, damit es hier nicht zu einem Engpass kommt?

Ihr Theater zählt knapp 300 Leute, die in Kurzarbeit Null sind, aber durch Arbeitsamt und Tarifvertrag 90 bis 95 Prozent ihres Geldes bekommen. Könnte Ihr Theater nicht stärker in Erscheinung treten - trotz Lockdowns und Beschränkungen?
Wir arbeiten seit 1. März wieder analog, bereiten neben Neuinszenierungen zwei digitale Produktionen vor: Das Orchester probt Brahms Klavierkonzert und ist mit dem Ballett am Projekt "RemIX" beteiligt, bei dem es um Beethovens Neunte geht. Musiktheater und Ballett bereiten zudem Strawinskys "Geschichte des Soldaten" vor.

Sie beklagen das Auftrittsverbot wegen Corona - aber nutzt Ihr Theater die Möglichkeiten, per Internet an die Öffentlichkeit gehen?
Durch das Gewandhaus Zwickau gibt es eine virtuelle Führung, die Balletttänzer haben kurze Filme produziert mit kleinen Choreografien, sehr individuell. Unsere Abteilung Theaterpädagogik hat schulische Themen ins Netz gestellt: In den Filmchen geht es um gesunde Ernährung, Umgang mit Geld, Winterspiele - alles Vorschläge, die von Lehrern kamen und von unseren Bundesfreiwilligen umgesetzt und gespielt wurden.

Von der Abteilung Schauspiel höre ich nichts, oder täuscht der Eindruck?
Die Kollegen haben freiwillig im ersten Lockdown 2020 Beiträge produziert. Die Grüße aus dem Home-Office wollten wir jedoch nicht wiederholen. Bis Anfang März, in Kurzarbeit Null, durften sie nicht arbeiten. Das fordert das Arbeitsamt. Wegen Corona sollte es so wenig Begegnung wie möglich geben. Bei Balletttänzern gibt es andere Bestimmungen. Auch gute digitale Angebote brauchen Teamwork, da bin ich sehr froh, über das, was dennoch realisiert wurde. ufa