"Theater sind wie Tanker"

Nun plötzlich spielen zu dürfen, sei nicht nur überraschend, sondern auch eine Herausforderung, sagt der Generalintendant des Theaters Plauen-Zwickau, Roland May. Doch er hat noch ein ganz anderes Problem: Ein "Corona-spezifisches" Repertoire steht nicht zur Verfügung. Trotzdem gibt es Hoffnung.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Dass das Publikum den Mindestabstand einzuhalten habe, sei das eine, sagt May. Doch das gelte natürlich auch für die Schauspieler auf der Bühne und - schwieriger noch - das Orchester, die Chöre und den gesamten Backstage-Bereich. Für Musiker beispielsweise gelten Abstände zwischen drei und zwölf Metern - davon abhängig, ob es sich um Bläser oder Bratscher handelt. Unter diesen Umständen könnte man sich dafür entscheiden, erst mal gar keine Veranstaltungen anzubieten. Doch das sei in der Leitungsbesprechung am Dienstag kein Thema gewesen, sagt May, der zugleich an die sich überschlagenden Ereignisse der letzten Wochen erinnert. Nach dem Prinzip "Die Hoffnung stirbt zuletzt" habe man noch relativ lange geglaubt, "irgendwie" spielen zu können. "Die Absagen der geplanten Veranstaltungen erfolgte scheibchenweise." Recht schnell "rettete" man sich in digitale Angebote - die einzelnen Sparten stellten Videoclips ihrer Home-Office-Proben ins Netz, es folgten "größere" Angebote wie das Streamen früherer Veranstaltungen. Mit der Resonanz - vor allem auch auf die virtuelle Osternacht mit Händel - zeigt sich May zu zufrieden: 6000 Klicks. Und dennoch: Der Live-Gedanke im Theater sei essentiell, digitale Angebote bestenfalls eine Ergänzung. Nebenher zeichnete sich ab, dass auch die Dead-Line für den Kulissenbau nicht mehr zu halten sein werde. Ende April schließlich wurde auch der "Lohengrin" abgesagt. Der sollte in Kooperation mit dem Theater Hof aufgeführt werden, was die zeitliche Verschiebung noch schwieriger gestaltet.
Nun also grünes Licht, was quasi über Nacht nicht so einfach angeknipst werden kann. "Ein Theater ist wie ein Tanker. Man bremst ab oder ändert die Richtung, aber das Schiff fährt noch ein Stück geradeaus", umschreibt May die derzeitige Situation. Beispiel: Die von den sächsischen Theatern mit dem Bühnenverein erarbeiteten Hygienekonzepte zielten - von vielen Spielstätten favorisiert - auf möglichst viele Zuschauer. Eine Richtung, die May kritisch sieht. Nun wiederum sind Hygienekonzepte in Absprache mit den regionalen Gesundheitsämtern zu erarbeiten. "Wir arbeiten derzeit in mehreren Spuren. Es wird drei bis vier Veranstaltungen im Parktheater geben, ein paar weitere im Open Air-Bereich des Malzhauses. Dort sollte diesen Sommer eigentlich "Die Kuh Rosemarie" aufgeführt werden, doch deren Produktion wurde gar nicht erst in Angriff genommen." Beide Spielstätten, so May, werden ab Anfang Juli zur Verfügung stehen, wobei er im Parktheater konzeptionell mit etwa 160 Zuschauern plant. Dazu avisiert er ein weiteres Freilichtangebot für Zwickau.
Die zweite Schiene ist ein neuer Plan für das nächste halbe Jahr. Voraussichtlich ab September werde man wieder auf beiden Bühnen des Vogtlandtheaters spielen - auf der kleinen Bühne für etwa 30, auf der großen für circa 80 Personen. Natürlich unter Einhaltung weiterer Auflagen, wie beispielsweise des Wegfalls einer Pause oder gastronomischem Angebot. Das wiederum bedeutet, dass jede Inszenierung öfter als üblich zur Aufführung gelangt, denn neben den Abonnenten soll auch ein bestimmtes Kontingent im Freiverkauf angeboten werden.
Neben diesem "Notfallplan" werde auch die neue Spielzeit - in die man ab Februar zurückzukehren hofft - vorbereitet. Im Wesentlichen werden alle großen Premieren ein Jahr zeitversetzt stattfinden, avisiert May. Und: Für diese Zeit habe man ja dann auch einige Stücke "auf Halde". Beispielsweise standen "Der Besuch der alten Dame" oder auch das Jugendstück "Auf Eis" in diesem Frühjahr kurz vor der Premiere. Mitte Juni werde dieser Spielplan dann dem Aufsichtsrat vorgestellt, avisiert der "General", der nochmals auf die Besonderheit all dessen aufmerksam macht, was derzeit vorbereitet wird. "Theater lebt von Improvisation. Die Akteure bringen sich mit ihren Vorstellungen ein, da ist auch Körperkontakt nötig. Nun aber werde coronabedingt "auf Abstand" geprobt, der - wenn das Stück zur Aufführung gelangt - vielleicht gar nicht mehr nötig ist. Man spielt dann quasi ein "Corona-Revival". Und dann übernimmt May noch die Rolle der Kaufmännischen Geschäftsführerin. In den letzten beiden Monaten habe man keine Einnahmen erzielt. "Derzeit fehlen 200.000 Euro." Und hier sind später auch die Plauener Theaterfreunde mit ihren zahlreichen Besuchen gefragt.