Theater Plauen: Psychopath an der Haltestelle

Plauen - Das Leben von Miroslaw Nahacz, dem 1984 nahe der polnischen Stadt Gorlice geborenen Schriftsteller, schien vordergründig wenig mit dem des Protagonisten in seinem "Bombel" von 2004 vergleichbar zu sein.

 

Ganz im Gegenteil veröffentlichte er im Jahr 2003, also mit weniger als 18 Jahren, seinen ersten Roman "Osiem cztery" (Acht vier) mit durchschlagendem Erfolg und wurde im selben Jahr ein begehrter, viel gelesener Preisträger einer Literaturstiftung.

All dies wäre Grund genug, aufzubauen auf diese Leistung, doch Nahacz verharrte in tiefen Depressionen. Mit Alkohol, Drogen und einer unbändigen Lust auf Sprache, womit er auch seine Figur, den redseligen Wirrkopf "Bombel" ausgestattet hat, versucht er den psychischen Schmerzen zu entgehen. Jedoch, Nahacz verliert diesen Kampf. Nach einem Discobesuch im Jahr 2007 begeht er Suizid mit dem Strick. Hinterlassen hat er einen schwer zu entziffernden Zettel mit den Worten "Die Welt existiert auch ohne mich."

Die Uraufführung der Bühnen-Adaption des Romans "Bombel" von Miroslaw Nahacz, der 2008 in deutscher Sprache erschien, in den er die Tragik seiner Seele, seines Lebens projizierte, fand am vergangenen Freitag auf der kleinen Bühne des Theaters Plauen statt. "Bombel" liegt quer auf den Sitzen einer Bushaltestelle am frühen Morgen. Ein defektes Licht zuckt nervös, aus seinen wilden Träumen dringen Wortfetzen, flüchtige Angstschreie in den anbrechenden Tag. Auf einer großen Wand hinter ihm erscheint, einem Puzzle gleich, aus dem Licht von 20 Projektoren, eine Art Auenlandschaft, ein Feuchtgebiet mit Weiden und Sträuchern im Morgennebel.

Bombel erwacht und wartet, doch ähnlich wie in Becketts "Warten auf Godot" kommt weder Mensch, noch Bus, er sitzt und wartet. Und spricht mit und über fiktive Freunde, spricht, flüstert, schreit sich die Seele aus dem Leib, beschreibt Erlebnisse, irrlichternde Fantasien, exzessive Wunschvorstellungen. Er krümmt sich vor Schmerzen, wird gequält von Entzugserscheinungen. Visionen von Alkoholgenüssen und -verzichten zerreißen ihm den Leib. Unauffällig verborgen in nicht enden wollenden Tiraden sind kleine, wohl platzierte Seitenhiebe auf den Katholizismus oder kritische Bemerkungen zu gesellschaftspolitischen Umständen, verpackt mit Witz und Sarkasmus.

Sprunghaft lacht und weint er, ein Psychopath an einer Haltestelle, an der kein Bus vorbei kommt. Sachte beginnt es zu regnen, das Bild im Hintergrund wird vom Wasser weggespült und Bombel verschwindet in der Nässe und in der Dunkelheit seiner Gedanken. Eine großartige Regie von Konradin Kunze in Zusammenarbeit mit ebenso schlichter wie effektvoller Ausstattung von Lea Dietrich.

Als "Bombel" agierte Tom Keune, er spielte nicht, er war eine Stunde und 15 Minuten diese Figur mit all den subtilen und expressiven Nuancen, die sie fordert - ein fabelhafter Schauspieler in einem Stück, das mit Komik und Tragik gleichermaßen überaus nachdenklich stimmt.