Technische Textilien made in Vogtland

T-Shirts oder Sommerkleidchen werden nicht mehr genäht. Die ostdeutsche Textilindustrie hat sich neu erfunden. Mit technischen Textilien hat sie ihren Markt gefunden.

Frankfurt/Main/Treuen/Greiz - Technische Textilien für die Medizintechnik, Bau-, Auto- oder Flugzeugindustrie sind zum Umsatztreiber der Textilindustrie in Ostdeutschland geworden. Davon gab die hiesige Branche auch einen Einblick auf der "Techtextil", die mit einem Rekord von rund 40 000 Fachbesuchern in Frankfurt zu Ende gegangen ist. Rund 60 Aussteller aus Ostdeutschland zeigten ihre Neuheiten. Die auf der Leitmesse präsentierten Technische Textilien stehen für mehr als ein Viertel der globalen Textilproduktion.

Vertreten waren auch die Vogtländer. Das Spektrum reichte von mit LEDs bestückten Leuchttextilien aus dem Textilforschungsinstitut Thüringen-Vogtland in Greiz, das dafür einen Innovationspreis erhielt, bis zu antibakteriellen Stoffen für Berufskleidung von Krankenschwestern und Ärzten. Wichtig für die mittelständischen Firmen sei laut Verband der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (vti), eine enge Zusammenarbeit mit den Textilforschungsinstituten in Chemnitz, Dresden, Freiberg, Greiz, Reichenbach und Rudolstadt.

45 Prozent des gesamten ostdeutschen Produktionsvolumens entfallen laut vti auf Technische Textilien, 30 Prozent auf Heimtextilien sowie 25 Prozent auf Mode und Bekleidung. Kernländer der Branche seien Sachsen mit 12 000 und Thüringen mit 2500 Beschäftigten. Insgesamt existieren in Ostdeutschland rund 260 Textil- und Bekleidungsunternehmen. Sie erwirtschafteten im Vorjahr einen Umsatz von 1,75 Milliarden Euro, davon annähernd 40 Prozent im Export.

Für das erste Quartal 2013 weist die offizielle Statistik einen deutlichen Umsatzrückgang gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres aus. "Wie andere Branchen auch sind wir von der allgemeinen Absatzkrise in der Euro-Zone betroffen. Doch die Stimmung in unseren Unternehmen ist besser, als es die Zahlen aussagen. Wir blicken optimistisch nach vorn", kommentierte Verbands-Geschäftsführer Bertram Höfer: "Die Firmen nehmen kaum Entlassungen vor. Sie tun alles, um ihr qualifiziertes Personal zu halten."

Zwei der begehrten Auszeichnungen der diesjährigen "Techtextil" gingen nach Ostdeutschland. Das Textilforschungsinstitut Thüringen-Vogtland (TITV), Greiz, erhielt einen Innovationspreis während des Avantex-Symposiums. Ausgezeichnet wurde der vom TITV entwickelte vollautomatische Prozess zur Fertigung von LED-bestückten Leuchttextilien. Bislang war die Ausrüstung von Textilien mit Leuchtdioden nur per Hand und mit hohem Zeitaufwand möglich.

Das Sächsische Textilforschungsinstitut (STFI), Chemnitz, erhielt einen Anerkennungspreis der "Tech-textil" für die Entwicklung eines weltweit einmaligen Herstellungsverfahrens von Rundgeweben, deren Durchmesser bei laufendem Betrieb des Webautomaten verändert werden kann. So sind konisch verlaufende, nahtlose Rundgewebe aus Carbon- oder Aramidfasern beispielsweise als Hohlprofile für Leichtbau-Halbzeuge oder für Rohre in Klimaanlagen von Flugzeugen und Schiffen geeignet.

Hightech-Kunstleder von leitfähig bis extrem robust

Zahlreiche Beispiele für beschichtete beziehungsweise kaschierte Textilien und Folien präsentierte die Vowalon Beschichtung GmbH, Treuen. Zum umfangreichen Sortiment des Beschichtungsspezialisten gehören das elektrisch leitfähige Kunstleder "Pulfero" für die Herstellung von Spezialpolstern, Messgerätetaschen, OP-Tischen und ähnlichem; dünne Polyurethanbeschichtungen und -folien für Funktionskleidung und Hygienetextilien; Kunstleder und Kaschierungen für Fahrzeuginterieur; Beschichtungen für den technischen Einsatz zum Beispiel für Rohrsanierung und Schleifmittelherstellung sowie Polsterkunstleder mit spezieller Oberflächenversiegelung für extreme Beanspruchungen.

Pfand: Textilien mit Mehrkämpfer-Qualitäten

Über innovative Multifunktionsausrüstungen von Textilien informierte auf der Leitmesse die Textilausrüstung Pfand GmbH aus Lengenfeld. "Textile Materialien müssen heutzutage "Mehrkämpfer" sein. Gefordert sind beispielsweise Flammschutz, Fleckschutz, antibakterielle Wirkung und Waschbeständigkeit in einem Textil", erläutert Geschäftsführer Dr. Holger Erth: "Auf der "Techtextil" stellten wir außerdem effektive Reinigungstechnologien und unkonventionelle Ausrüstungen für dreidimensionale Textilien vor.

Gemeinsam mit Partnern aus Forschung und Praxis entwickelt die Textilausrüstung Pfand GmbH moderne chemische, thermische und mechanische Ausrüstungsverfahren für technische Textilien, Bekleidungsstoffe und Heimtextilien. Das Leistungsspektrum umfasst unter anderen Fleckschutz-, Flammfest-, Antistatik-, antibakterielle und Rauch abweisende Ausrüstungen, optische Weißausrüstung, Fixieren, Druckvorbehandlung, Thermosolfärbungen, Stickereivorbereitung, Appretieren, Weichmachen, Waschen/Reinigen und Fadenschnitt.

Mit der erfolgreichen Teilnahme an "Ökoprofit 2012/2013", einem vom Sächsischen Umweltministerium sowie von IHK, Landkreis und Kommune unterstützten Projekt für integrierte Umwelt-Technik, hat das Unternehmen nachhaltige Grundlagen für umweltbewusstes und energiesparendes Handeln gelegt, lobt der Textilverband. Dr. Holger Erth, der als Honorarprofessor für Technische Textilien an der TU Chemnitz tätig ist. M. T.