Taxibranche säuft langsam ab

Die zweitschönste Sache für einen Taxifahrer ist es, am Ende einer langen Schicht den Inhalt der Börse auf den Küchentisch zu kippen, Bar-einnahmen und Trinkgeld zu trennen und zu sehen, dass es sich wieder mal gelohnt hat, draußen, in der freien Wildbahn.

Von Marko Wild

Diese Zeiten sind seit zehn Monaten vorbei. Laut Taxiunternehmer Ralf Hager brach das übliche Tagesgeschäft im März 2020 von einem Tag auf den anderen um zirka 75 Prozent ein. "Frisöre zu, Arztpraxen zu, keine stationären Behandlungen mehr. Und da hast du natürlich schon erst mal gesagt: ach du Scheiße, wie soll das weitergehen?" Auch die relative Erholung nach dem ersten, wie er es nennt, "Stillstand" erreichte nicht mehr das vorherige Niveau. Besonders nachts blieben die Fahrgäste weiter weg. "Weil einfach nix los war. Wo sollten denn die Leute hin?"
Mit dem zweiten "Stillstand" ab November ging es dann wieder in den Keller, wo sich viele Unternehmen seit zweieinhalb Monaten erneut mit Kurzarbeit und staatlichen Hilfsleistungen über Wasser zu halten versuchen. Alte und kranke Leute, die tagsüber wegen ihres Mobilitätsproblems die Hauptkundschaft bilden, ist der Frisörbesuch, das Kaffeekränzchen oder der Seniorentanz verboten. Doch nicht allein diese Fahrten fehlen. "Wer Schülerverkehr fuhr, hatte seit den verordneten Schulschließungen plötzlich Null Umsatz. Die Pflegeheime zu, keine Angehörigenbesuche mehr, weniger Flughafenzubringer, kaum noch ankommende Reisebusse und so weiter."
Wie in anderen Branchen wirkt die gegenwärtige Krise auch im Taxigewerbe als Verstärker bereits vorhandener Probleme und Schwachstellen. Das Taxigewerbe könnte laut Hager in Plauen besser dastehen, als es das tut, wenn sich mehr Unternehmen der Genossenschaft angeschlossen hätten. "Viele waren aber nicht bereit, sich den Bedingungen dort anzupassen und kochten ihr eigenes Süppchen. Das hat jetzt weniger mit Corona zu tun, aber unserem Ruf insgesamt nicht geholfen. Wir standen ja vorher schon in der Kritik, wegen schlechter Erreichbarkeit oder weil wir Aufträge nicht bedienen konnten. Das fällt nun extra auf uns zurück."
Kein Verständnis hat Hager für die Logik hinter den finanziellen Stützen von staatlicher beziehungsweise Landesseite. Während in Sachsen Unternehmen mit mehr als zehn Angestellten überhaupt keine Hilfszahlungen bekommen, fand man in Thüringen und anderswo offenbar, dass es schwerer sei, mehr Angestellte durchzubringen und erhöhte die Hilfen für solche Unternehmen sogar auf teilweise 25.000 Euro. "Wenn das noch ein paar Monate so weiter geht, wird es wirklich bedrohlich", sagt Hager. In der Branche hofft man, dass der Spuk bald vorbei ist. Dann kann man vielleicht wieder von der schönsten Sache für einen Taxifahrer träumen: der Anruf kommt, zwei gutgelaunte Damen steigen ein und sagen: "Fahr uns nach Paris, egal was es kostet. Wir wollen richtig einen drauf machen."