"Tante Emma" heißt Christiane

Supermärkte gibt es viele, mobile Einkaufsläden sind eine Besonderheit in Zeiten schwindender Mobilität vor allem von Senioren. Der Frischedienst Engelwieser ist so ein Tante-Emma-Laden auf Rädern, Verkaufsfahrerin Christiane ist seit neun Jahren mittwochs in der Stadt unterwegs.

Von Frank Blenz

Plauen Es klingelt schrill über die Straße und der Freifläche vor dem Hochhaus an der Bebelstraße - als würde jeden Augenblick die Feuerwehr um die Ecke düsen. Doch nein, es ist ein gelber Transporter mit der Aufschrift "Engelwieser Frischedienst", der mit dieser Glocke auf sich aufmerksam macht. Er biegt um die Ecke und kommt auf dem Parkplatz zum Stehen.
Das Fahrzeug wird schon sehnsüchtig erwartet, ein Dutzend älterer Herrschaften steht aus aktuellem Anlass in gebührendem Abstand voneinander entfernt und freut sich sichtlich auf das nun Kommende, was man auch als liebgewordenes Ritual bezeichnen könnte: den Einkauf.
Aus dem Fahrerhäuschen steigt eine Frau. Christiane Pöch lächelt, grüßt freundlich, hebt eine Wagenfläche nach oben und schon richtet sich der Blick auf den üppig und bunt gefüllten Verkaufstresen ihres mobilen Tante-Emma-Ladens.
Der Anblick weckt Bedürfnisse und Einkaufslust zugleich, die alten Leutchen sind guter Dinge, können sie doch jetzt für die nächsten sechs, sieben Tage ihre Waren des täglichen Bedarfs in Ruhe ordern. Klar, sie könnten auch in nahe gelegene Supermärkte, Bäckereien Fleischereien gehen. Einige tun es auch, andere indes sind nicht mehr gut zu Fuß und froh über dieses besondere Angebot vor der Haustür.
"Stimmt, der Kunde kommt nicht zu uns, wir kommen zu ihm", sagt Verkäuferin Pöch, die inzwischen mit dem Verkauf und dem Verkaufsplausch begonnen hat und meist schon genau weiß, was ihre Kunden brauchen. "Das sind die Grundnahrungsmittel, die am meisten gekauft werden. Mehl, Zucker, Kartoffeln, Butter, Wasser, Obst, Gemüse, Wurst usw.", so Christiane, die die ganze Zeit nicht nur Produkte verkauft, sondern gleichzeitig gratis gute Laune verbreitet - nicht nur in diesen Tagen. In denen aber besonders, in denen die Welt auf Pausentaste gedrückt wird und eine lähmende Ungewissheit Richtung Zukunft den Alltag beherrscht.
"Ein bisschen Spaß aber muss sein, jetzt erst recht", findet die 48-jährige Westsächsin, deren Hauptquartier in Neumark bei Zwickau liegt., um sogleich mit der alten Dame zu scherzen, die zwei Päckchen Mehl auf ihren Rollator packt.
Von Neumark aus wird die ganze Gegend befahren, mittwochs eben das Vogtland, Treuen, Rodewisch, Plauen, die Dörfer, erzählt sie neben dem Arbeiten aus ihrem Auto heraus. "Vor allem die Älteren schätzen das Angebot. Wir haben von A wie Ananas bis Z wie Zahnpasta alles. Okay, Klopapier gibt es gerade auch hier bei mir nicht", sagt Christiane Pösch augenzwinkernd, die ihren Job seit fast zehn Jahren macht. Sie blickt optimistisch nach vorn. "Ich werde das bestimmt noch 20 Jahre so weiter tun, ich bin ja noch jung", lacht sie. Ihre "universelle" Aufgabe gefalle ihr über alle Maßen, fügt sie an. "Es ist alles so wie es sein soll, das Fahren, das Verkaufen, die Leute, das Beladen des Autos - alles." Und eine weitere Motivation bestimmt ihren Alltag: Das Gefühl, dass die Leute sie brauchen und ihren Tante-Emma-Ladern auf Rädern quasi ins Herz geschlossen hätten. Der Halt in Plauen ist vorüber, mancher Rollator gut gefüllt, das Verdeck vor dem Tresen wird wieder heruntergeklappt. Weiter geht es. Ein letztes "Dankeschön" bekommt Christiane Pöch noch zugerufen, während sie schon wieder hinter dem Steuer sitzt. In diesen Tagen ergänzt von einem "Bleiben Sie gesund!"