Talent, Fleiß - und ein bisschen Spionage

Deutschland jubelt über Gold in Tokio im Wildwasser-Kanu. Eine Plauenerin hat das vor fast 50 Jahren vorgemacht. Es war die Zeit, als (DDR-)Deutsche viele Olympiasiege holten - viel mehr als heute das viel größere Deutschland. Der Sieg der Vogtländerin 1972 war dennoch sensationell.

Plauen -  Angelika Bahmann zeigt stolz ihre Goldmedaille, die schwer in der Hand liegt: IOC-Präsident Avery Brundage hatte sie ihr in München an einer güldenen Kette um den Hals gelegt - nach ihrem Sieg im Wildwasserkajak.
Es war eine doppelte Premiere gewesen: Kanuslalom gehörte 1972 erstmals zum olympischen Programm und gleich auf der weltweit ersten künstlichen Strecke, dem Eiskanal in Augsburg. Wie auf einem reißenden Fluss gilt es, Hindernisstangen zu umfahren und auf vorgeschriebenem Kurs per Boot schnell ins Ziel zu kommen - stromauf, stromab. "Aber die Strömung eines Flusses verhält sich anders", erklärt Frau Bahmann. "Im Kanal kann das Wasser seitlich nicht weg, wird von den Steilwänden reflektiert, es strudelt, es quirlt - und man muss mehr reagieren."
Das hatte sie im August 1971 gemerkt, ein Jahr vor Olympia, beim allerersten Wettkampf im nagelneuen Eiskanal: "Die erfolgsverwöhnten DDR-Sportler schnitten schlechter ab als erhofft. Ich belegte als frischgebackene Doppelweltmeisterin ,nur‘ den dritten Platz."
Ein Alarmsignal für die DDR-Verantwortlichen. Wie Frau Bahmann berichtet, fuhren der Kanu-Präsident und ein Baufachmann im Interzonenzug inkognito nach Augsburg, fotografierten, sprachen mit Bauarbeitern. "Danach entstand in Zwickau an der Mulde in Rekordtempo eine Trainingsstrecke, die an Augsburg erinnerte - wenn auch kürzer und weniger steil."
Das lohnte: Die DDR holte alle vier Goldmedaillen in Augsburg. Die Bundesrepublik musste sich zähneknirschend mit Silber und Bronze begnügen. "Es war die Zeit des Klassenkampfes: Ost gegen West", sagt Frau Bahmann. "Bei der nächsten Olympiade fehlte Kanu-Slalom wieder, wurde erst 1992 erneut ins Programm aufgenommen. Ob das mit den Erfolgen der DDR zu tun hat?"
Apropos: 1992, vor der Olympiade in Spanien, habe sie bei den Verantwortlichen des bundesdeutschen Kanusports angefragt, ob sie einer ehemaligen Olympiasiegerin helfen könnten, die Wildwasser-Wettbewerbe zu erleben. "Ich bekam nicht mal eine Antwort. Wir sind privat mit dem Wohnwagen zum Wettkampf gefahren und ich habe am Zaun gewartet, bis ich einen mir bekannten Trainer sah, der mich eingelassen hat."
Frau Bahmann ist mit einer Schwester in Plauen aufgewachsen. "Unsere Eltern haben oft Wasserurlaub mit uns gemacht, mit Faltbooten auf Ostsee und Mecklenburger Seenplatte. Mein Vater war auch mein erster Übungsleiter auf der Weißen Elster."
Schnell stellen sich Erfolge ein - und Fachleute erkennen, dass Angelika "das Wasser lesen kann". Frau Bahmann lobt das Fördersystem der DDR: Alle Talente seien entdeckt worden - im Gegensatz zu heute. In der zehnten Klasse, mitten in Abitur- und Berufsausbildung, wechselt sie nach Leipzig zum Sportclub: "Meine Lehre als Verkehrseisenbahner brach ich ab - zugunsten des Abiturs - und das Training wurde massiv verstärkt: fünfmal die Woche, zweimal am Tag."
1970 qualifiziert sich Angelika für die Nationalmannschaft, fühlt sich dort sofort wohl. Sechs Mädels von damals halten Kontakt bis heute. "Wir treffen uns reihum - jedes Jahr."
Die Sportler sind wochenlang unterwegs - auch im nichtsozialistischen Ausland. Sie schlafen in Hotels - oder Zelten. "Nach Hagelschauern lagen fünf Zentimeter gecrashtes Eis auf unseren Luftmatratzen. In der BRD, in Österreich und der Schweiz sollten wir nicht mit den dortigen Klassenfeinden sprechen - und hätten es auf Deutsch leicht gekonnt. In Tschechien sollten wir uns mit den Klassenbrüdern unterhalten - und konnten es nicht, weil die Sprachkenntnisse fehlten."
1971 wird Frau Bahmann im Südtiroler Meeran überraschend Weltmeisterin im Einzel und im Teamwettbewerb. "Ich hatte als 19-Jährige die bis dahin herrschende Meinung auf den Kopf gestellt, gewinnen kann man nur mit Erfahrung."
Es folgt München 1972. "Der Olympiasieg ist Höhepunkt meiner Karriere, es waren die Spiele, da die DDR erstmals mit Hymne, Fahne und eigener Mannschaft antrat. Bis 1968 hatte es mit der Bundesrepublik eine gesamtdeutsche Mannschaft gegeben."
Und '72 sind die Spiele, bei denen Terroristen israelische Sportler ermorden. "Vom Attentat habe ich nichts mitbekommen, es war mein Abreisetag. Ich machte Platz für DDR-Sportler, die spätere Wettkämpfe bestritten. Sie erlebten keine so unbeschwerte Zeit wie ich, da sogar der Abbruch der Olympiade drohte."
Frau Bahmann blättert in einem Album mit Fotos und Zeitungsartikeln, Eintrittskarten und Glückwunschschreiben. "Beim Einmarsch der Nationen trugen wir Kleidung in Regenbogenfarben, die teilweise im Vogtland hergestellt war wie bei der Dako in Plauen. Unsere Designer hatten die Farbgebung am Olympiastadion aufgegriffen, fast 50 Jahre vor der jetzigen Diskussion um die Regenbogenfarben."
Männer und Frauen sind in streng getrennten Bereichen des olympischen Dorfes untergebracht. "Die DDR wollte nicht, dass wir Frauen in den üblichen Flachbauten wohnen. Psychologen hatten empfohlen, höher zu wohnen, um einen Überblick zu haben. So zogen wir in ein Hochhaus neben den Flachbauten - die Männer in ein anderes."
Nach dem Sieg ("Ich habe bis zum Ende gezittert") wird Frau Bahmann gefeiert, beglückwünscht und herumgereicht. Während andere zum Stadtbummel gehen, gibt sie Interviews, muss zu Fototerminen und erfüllt Autogrammwünsche - bis heute.
Die DDR belohnt sie mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber und einer sechswöchigen Kreuzfahrt auf der "Völkerfreundschaft" nach Kuba. "An Bord die besten Sportler und viele Trainingsmöglichkeiten, weil sich die Wintersportler auf die neue Saison vorbereiten sollten."
Noch im Olympiajahr bekommt Frau Bahmann Probleme mit der rechten Hand. "Worum geht es bei einer, die Kahn fährt?", fragt sie verschmitzt. "Das Kahnbein ist betroffen. Der kaputte Knochen wurde bei einer OP mit Material aus meinem Ellenbogen ersetzt."
Die Hand liegt ein halbes Jahr in Gips. Nix mit sportlichen Erfolgen - auch die Fachschulausbildung als Physiotherapeutin leidet: Ohne Hand kann keiner massieren. "Wegen des verspäteten Abschlusses habe ich Einbuße bei der Rente. Heute wird für Sportler besser gesorgt." Überhaupt kritisiert sie die Wertschätzung gegenüber Erfolgen der DDR-Sportler. Nach ihrer Meinung gibt es keine Lobby für sie. Exemplarisch dafür sei die Ruhmeshalle des deutschen Sports, in der das Radsportidol Täve Schur fehle.
Frau Bahmann kämpft sich nach der Verletzung zurück in die Weltspitze, wird 1975 Vizeweltmeisterin, holt 1977 den Titel und wird im Team zweimal Vize. "Danach habe ich aufgehört."
Sie geht nach Oberhof, massiert Körper mit Rang und Namen beim Armeeklub: Die Bob-Könige Nehmer und Hoppe, Biathlon-Ass Ullrich, Skispringer Dannenberg, die Schlitten-Cracks Rinn und Schumann. "1979 war ich mit in Lake Placid in den USA, bei den Vorbereitungskämpfen auf Olympia."
1980 wechselt die Physiotherapeutin nach Plauen in die Poliklinik und gründet mit ihrem Mann Rainer eine Familie: Tochter Beate führt heute nach einem BWL-Studium die beiden Läden in Berlin mit erzgebirgischen Produkten und vogtländischen Erzeugnissen, zum Beispiel Spitze, die ihre Eltern in den 1990en gegründet hatten. Sohn Christian studiert Architektur und steigt in Mutters Fußstapfen: Er belegt 2004 bei Olympia in Athen den vierten Platz und holt ein Jahr später den WM-Titel im Zweier-Canadier. "Jetzt, in Tokio, betreut er die Schweizer Nationalmannschaft als Chefcoach."
Nach der Wende ist Frau Bahmann Mitgründerin einer Gemeinschaftspraxis für Physiotherapie in Plauen, die sie mit Renteneintritt verkauft. Und immer interessiert sie sich für ihren Sport. "2008 war ich mit meinem Sohn, der sich nicht für Olympia qualifizieren konnte, Trainer der chinesischen Nationalmannschaft bei den Spielen in Peking", berichtet die 69-Jährige, die sich mit Wandern und Radfahren fit hält. ufa