Syrischer Kurde wird Christdemokrat

Höherer Mindestlohn, kostenlose Kita, bessere Renten, eine saubere Umwelt, mehr Gerechtigkeit: Das sollten die Themen in "seiner" neuen Partei, der CDU, sein, wünscht sich Rizan Manla Othman. Der 37-jährige Wahl-Plauener ist der erste und bisher einzige Syrer, Kurde und Moslem in der Vogtland-CDU. Ein Exot unter 700 Christdemokraten.

Von Cornelia Henze

Plauen Rizan Manla Othman ist der "Neue" in der Vogtland-CDU, verkündet die Parteispitze zu ihrem kürzlichen Neujahrsempfang. Froh über den Neuzugang aus dem Nahen Osten, der wie manch anderes neues Mitglied in der Partei den Ausgleich schafft zu Verlusten - Austritten und Todesfällen und dazu beiträgt, die Mitgliederzahl halbwegs stabil zu halten. Eine Rose gibt es für den "Neuen" - und dann steht der Mann aus Syrien am Bankett erst mal alleine da. "Ich kenn ja fast noch keinen", sagt Manla Othman, der das rasch ändern will. Aktiv mitmachen, sich einbringen, die Parteifreunde kennenlernen. Das will er. Ein Jahr habe er die Politik und die Parteien in Deutschland intensiv beobachtet, und sich dann für die CDU entschieden. Kontakte gab es schon vorher zu Tobias Kämpf, dem Vize-Kreisvorsitzenden in der Vogtland-CDU.
"Deutschland ist ein Freiheitsland. Ich bin froh, dass ich seit über vier Jahren hier bin", reflektiert der syrische Kurde sein altes und neues Leben. Meinungs- und Pressefreiheit, Gleichberechtigung in Geschlecht und Religion und überhaupt frei zu sein, das sei doch das Herz der Demokratie. All das habe es in Syrien nicht gegeben. Dennoch haben er, seine Frau und die damals dreijährige Tochter ein halbwegs normales Leben in Aleppo geführt. Bis vor seiner Flucht ist der Agraringenieur im öffentlichen Dienst beschäftigt. Oft geht es zu den Bauern hinaus aufs Feld, um das Wachstum von Baumwolle zu erforschen. Die Frau unterrichtet Kinder in Französisch. Als eines Tages eine Bombe in das Mietshaus von Rizan Manla Othman einschlägt, dabei eine Mieterin getötet, eine andere schwer verletzt wird, fasst die Familie den Entschluss, in ein Land zu fliehen, in dem es statt Krieg Frieden und Demokratie gibt.
Wie viele Menschen aus dem Nahen Osten oder Nordafrika begibt sich die kurdische Familie auf eine der bekannten Fluchtrouten. Zu Fuß laufen die Drei bis zur türkischen Grenze. Dort steigen sie in eines der Schlepperboote, das sie bis zur griechischen Insel Kos bringt. Dann geht es mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln über den Balkan. Von Serbien nach Ungarn und von dort bis Mazedonien sogar zu Fuß: Acht Stunden durch die Berge, die kleine Tochter huckepack.
Dann Deutschland. Eine Nacht im Auffanglager München. Ein Monat in dem von Chemnitz. Und schließlich Plauen - seit viereinhalb Jahren.
Heute betritt Rizan Manla Othman das Landratsamt, seine Arbeitsstelle, in Anzug und schwarzen, glänzenden Herrenschuhen. In der Behörde arbeitet er seit Herbst als Sachbearbeiter. Seine Frau als Sozialarbeiterin an der Grundschule "Kuntzehöhe". Sie betreut ausländische Kinder in den DaZ-Klassen. Dass das Ehepaar in der neuen Heimat ihr gutes Auskommen hat, ihre Kinder - die zweite Tochter kam in Plauen an - sorglos aufwachsen können, liegt vor allem daran, dass sie hier dazugehören wollen. Es braucht kein halbes Jahr damit beide gut Deutsch sprechen. Rizan wird als Übersetzer für Arabisch und Kurdisch in der DaZ-Klasse gebraucht, und als er die Stelle im Landratsamt bekommt, übernimmt seine Frau den Job.
Rizan Manla Othman ist integriert, nimmt die deutsche Kultur an, spricht und denkt deutsch, arbeitet und ist auf des Staates Tropf nicht angewiesen, will in der CDU Politik machen - und dennochgelten für ihn im Aufenthaltsrecht die gleichen Gesetze wie für jene, die sich schwer tun mit der Integration. Das wurmt den 37-Jährigen. "Fleiß muss sich doch lohnen", sagt er und verweist auf seinen noch wackligen Status, die dreijährigen Aufenthaltsgenehmigung, die man der Familie jetzt um weitere drei Jahre verlängert hat, aber sich erst nach fünf Jahren in ein dauerhaftes Bleiberecht wandelt. Wenn er die Wahl hätte, würde er deutscher Staatsbürger werden, denn hier, so sagt er, lieg seine Zukunft.
Fleiß müsse sich in Deutschland für jedermann lohnen: Auch in punkto Arbeit, meint der neu aufgenommene Christdemokrat. Würden viele Unternehmen ordentlich zahlen, gäbe es keinen Fachkräftemangel, ist RizanManla Othman überzeugt. Deshalb sei es Sache der Politik, den Mindestlohn zu erhöhen. Für ihn gehe es nicht an, dass arbeitende Menschen nicht von ihrem Lohn arbeiten können und auf staatliche Hilfe angewiesen sind. "Das tut doch der Seele weh", sagt Herr Mala Othman.
Ein zweiter wichtiger Punkt: die bessere Unterstützung von Familien und alten Menschen. "Die Leute dürfen doch keine Angst davor haben, dass sie, wenn sie Kinder bekommen, sich nichts mehr leisten können. Kinder dürfen keine Belastung sein und ein Rentner muss sich auch mal einen Urlaub leisten können."
Stichwort Rentner: Arbeitet man in Syrien im öffentlichen Dienst, sei die Rente später so hoch wie der 100prozentige Arbeitslohn.
Und dann ist da noch die überbordende Bürokratie, die vielen das Leben schwer macht - und das nicht nur der deutschen Sprache noch unkundigen Flüchtlingen. "Zu viele Ämter, zu viele Anträge", hat der Mann aus Syrien erfahren. Wie es dem "kleinen Mann" gehe, der mit Mindestlohn kaum seine Familie über die Runden bringen könne, davon wüssten höherrangige Politiker doch oft nichts, tritt der "Neue‘" für mehr Bürgernähe ein.
Dennoch: Auch wenn in Deutschland nicht alles optimal ist, lebt Rizan Manla Othman gerne hier und hat keine Sehnsucht nach Syrien: Nach dem Krieg, zerbomten Häusern, dem langen Anstehen nach Lebensmittel, dem abgeschalteten Strom und der Unfreiheit.