Syrer sucht Garten

Des Deutschen liebstes Kind ist neben dem Auto der Schrebergarten - nebst Gartenzwerg. So deutsch will die Familie Alkhatib auch werden - und ist auf die Suche nach einem Garten gegangen. Gar nicht so einfach: Denn manche wollen Ausländer nicht als Gartennachbarn.

Von Cornelia Henze

Plauen - "Wir wünschen uns einen Garten. Für die Kinder zum Spielen", sagt Wessam Alkhatib, der mit Frau Miriam und den Kindern Yazan (7), Omar (4) und Mila (1) zumindest schon mal in der Plauener Gartenstraße wohnt. In Deutschland lebt die Familie aus Damaskus seit vier Jahren, nachdem sie dem Krieg in ihrer Heimat entflohen ist. Erst floh die kleine Familie in die benachbarten Länder, den Libanon, die Türkei und nach Libyen - und nachdem es dort für den Fensterbauer keinen Job mehr gab und es mit Freiheit und Sicherheit auch nicht so weit her war, setzte sich die damals noch vierköpfige Familie in ein Schlepperboot, berappte pro Person und Platz um die 1000 Euro und betrat schließlich in Griechenland europäischen Boden, ehe es über den Balkan bis nach Deutschland ging.
Angekommen sind Wessam und Miriam Alkhatib in Deutschland - und andererseits auch wieder nicht. "Wir möchten so gerne Kontakt zu Menschen aus Deutschland", sagt Wessam Alkhatib und erwähnt im gleichen Atemzug wie schwer das sei. Wie krampfhaft und ängstlich die Plauener in der Straßenbahn ihre Taschen an sich ziehen, wenn er neben ihnen stehe. Da tue einem das Herz weh, sagt der Syrer.
Soeben hat sich Alkhatib der Sprachprüfung B 2 gestellt. Doch verstecken, dass er kein Deutscher, und erst recht kein Vogtländer ist, kann er es nicht. So kam es, dass ein Kleingärtner, nachdem er Alkhatibs gebrochenes Deutsch hörte, ihn am Telefon einfach wegdrückte.
Zum Glück gibt es eine ältere Dame und einen Rentner in Plauen, die sich ohne Vorurteile herzlich um die neue Plauener Familie kümmern. Schon vor einiger Zeit habe sie bei ihrem Gartenvorstand erwähnt, dass eine ihr bekannte Familie einen Garten sucht. Die Reaktion war erst ein freudiges Lächeln gewesen, welches erstarb, als der Vorstand vernahm, dass es sich bei der Familie um Ausländer handelte. "Die Parzellen sind ja da. Es klemmt nur beim Vereinsvorstand. Erst vor einigen Tagen haben wir einen total verwilderten Garten von Sperrmüll und Wildwuchs befreit. Für die Leutchen aus Syrien wäre das doch was", bedauert die 76-jährige Dame, die sich so wünscht, dass Wessam und Miriam Alkhatib dort ein Fleckchen Grün bekommen. Dann würde sie die Syrer auch beim Pflanzen gern unterstützen. "Das würde mir Freude machen."
So wie sie denkt auch Alkhatibs Nachbar. "Ich bin doch selbst kein Deutscher", meint er scherzhaft und erwähnt die Flucht seiner Familie nach dem Krieg von Schlesien ins Vogtland. Er wisse, wie das ist, wo fremd zu sein. Vor dem alten Herrn liegt eine Liste mit Adressen von Gartensparten und Telefonnummern. Nun hat er - in bestem Vogtländisch - die Termine für den syrischen Nachbarn festgemacht. Drei Gärten haben sich die beiden Männer schon angeguckt. "Gezwungen freundlich" sei eine Frau vom Gartenvorstands einer Sparte nahe der Dittesschule gewesen. Als diese gecheckt hatte, dass der Garten für die syrische Familie bestimmt sei, hätten sich die Auflagen, die der neue Pächter hätte erfüllen müssen, ins unermessliche gesteigert. "Man hat die Zurückweisung sofort gemerkt", urteilt der ältere Nachbar.
Angetan war man von der Freundlichkeit eines Gartenvorstands einer Sparte nahe des Bahnhofs. Sein Schwiegersohn sei Kurde, von daher habe er Ausländern gegenüber keine Bedenken, sagt der Vorstand gegenüber unserer Zeitung und bemerkt, dass es in seiner Sparte zwei Gärten gibt, die demnächst frei werden. Einer erst zu Jahresende. Der andere sei vom Vorpächter arg vernachlässigt worden und bedürfe des Aufräumens und der Klärung. "Ich habe keine Bedenken wegen der syrischen Familie, aber wer Pächter wird, bestimmt am Ende die Mehrheit des Vorstandes", sagt der Gärtner. Weder er noch die beiden Helfer wollen jedoch mit Namen in der Zeitung stehen: Teils aus Bescheidenheit, teils, um nicht in Misskredit oder unter Druck der eigenen Gartenfreunde zu geraten.
 "In Falkenstein haben wir gute Erfahrungen mit Familien aus Afghanistan gemacht, und in Meißen mit syrischen", sagt Tommy Brumm, der Vizepräsident des Landesverbandes Sachsen der Kleingärtner ist. Sollte sich für Familie Alkhatib kein Garten finden, wolle er diese gerne vermittelnd unterstützen - besonders auch in rechtlicher Angelegenheit. So lange nämlich Asylverfahren noch nicht abgeschlossen sind, haben es Ausländer schwer, einen Vertrag abzuschließen. Oft springen stellvertretend Kommunen und Betreuungsvereine in die Bresche. Bis zum Jahr 2022 darf Familie Alkhatib in Deutschland bleiben - mit einem festen Job auch dauerhaft. "Ich würde gern in der Gastronomie, im Verkauf oder als Fahrer arbeiten", so ein weiterer Wunsch von Wessam Alkhatib.