Stumme Zeitzeugen mahnen

Tiefe Wunden haben die Weltkriegs-Bomben in Plauen hinterlassen. Stadtansichten von damals und heute erinnern und mahnen in einer aktuellen Ausstellung in der Malzhaus Galerie. Plauener Förderschüler schauten sich um.

Von Marlies Dähn

Plauen "Die Aufnahme vom brennenden Oberen Bahnhof habe ich nachcoloriert", sagt Historiker Gerd Naumann. Dramatisch verändert sich die Szenerie. Glutrot verfärben sich die vorher schwarzgrauen Qualmwolken über dem zerbombten Bahnhofsgebäude. Splitterbomben, Brandbomben, Stabbrennbomben brachten mit Flammenstrahl Leid und Zerstörung über die Stadt und ihre Menschen. Was von Plauen übrig blieb, dokumentiert eindrucksvoll die sorgfältig von Lars Buchmann zusammengestellte Fotoschau "Zerstört und wiederaufgebaut". Zu sehen sind nie öffentlich gezeigte schwarz-weiß Fotografien. Entstanden sind sie unmittelbar nach den US-amerikanischen Angriffen am 12. September 1944 und 16. Januar 1945.
"Dieses fotografische Material wurde als Dokumentation der Bombenschäden von der NSDAP in Auftrag gegeben. Die damaligen Fotografen sind nicht bekannt. Vermutlich wollte man die Alliierten nach dem ,Endsieg‘ zur Kasse zu bitten", erklärt Historiker Gerd Naumann am Mittwoch. Um ihn herum stehen Sozialpädagoge Frank Enders samt seiner Schülerschar der Fördergesellschaft für Bildung aus der Plauener Dobenaustraße. Die jungen Menschen, die sich in Werkstattgruppen bemühen, in den Bereichen Holz, Garten und Landschaftsbau oder den Bereichen Küche oder Textil auf Umwegen doch noch einen Abschluss zu erlangen, hören teilweise aufmerksam und wissbegierig zu. Für einige von ihnen, wie Branko aus Kroatien zum Beispiel, sind Krieg und seine bedrohlichen Folgen noch nicht fern.
Auch die beiden alten Damen, die achtsam durch die Ausstellungsräume gehen, zeigen sich berührt, als im Lehrfilm Sirenen heulen. "Das wird man nie wieder los", sagen sie und zeigen sich froh, dass ihr Plauen vielerorts wieder so wundervoll auferstanden ist. Eine von ihnen war sechs Jahre alt, als die Angriffe der Alliierten am 12. September 1944 begannen. Viele Male zuvor waren die Geschwader über Plauen hinweggeflogen, um ihre todbringende Fracht anderswo abzuwerfen. "Diesmal war alles anders. Diesmal ging der Kelch nicht an den Plauenern vorüber. Die Bomber aus Richtung Chemnitz drehten bei, flogen einen Bogen und trafen Plauen", erzählt Gerd Naumann. Bei insgesamt 14 Bombenangriffen wurde Plauen in Schutt und Asche gelegt. Gut 75 Prozent der Stadt waren zerstört. Die schwarzweiß Aufnahmen sind wie stumme Schreie des Grauens. Der letzte der Angriffe, der Plauen in der Nacht vom 10. zum 11. April 1945 heimsuchte, hatte die größte Vernichtungskraft. Die Stadt lag in Trümmern.
Erinnern, versöhnen und mahnen soll diese Ausstellung, die noch bis 2. August zu sehen ist. Auch Historiker Gerd Naumann hat sich das zur Aufgabe gemacht. Im Oktober wird sein drittes Buch zum Thema "Plauen im Bombenkrieg" erscheinen. Wie aktuell das Thema ist, zeigt sich gerade. Womöglich ist es eine 250 Kilo-Bombe, die im Erdboden am Campus zum Vorschein kommt und alte Wunden aufbrechen lässt. Die mögliche Evakuierung großer Teile der Stadt wird vorbereitet. Der Sächsische Munitionsbergungsdienst steht bereit.
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