Streetworker: Jugendliche wollen reden

Das Team der Mobilen Jugendarbeit konnte trotz Lockdown seine Arbeit fortführen. Die Sozialarbeiter sind jetzt sogar noch öfter auf den Straßen unterwegs, um im Dialog mit den jungen Menschen zu bleiben.

Von Frank Blenz

Plauen Haselbrunn. Montags und donnerstags schlägt die Uhr 15 und Vor dem Garten der Mobilen Jugendarbeit (MJA), warten jeweils montags und donnerstags ab 15 Uhr junge Leute. Sie wollen reden, sie müssen reden. Die beiden MJA-Mitarbeiterinnen Anja Merkel und Franziska Klinner begrüßen sie. Ein Jugendlicher geht mit Anja in den Garten, ein anderer Junge begibt sich mit Franziska auf den Weg entlang der Straße, um über Probleme zu reden.
Alle Anwesenden spüren die coronabedingten Einschränkungen und sind doch froh, im Dialog bleiben zu können. Oft kommen Gespräche zustande, die mit den Worten "Weißt du noch damals? Vor Corona ..." oder "Wenn Corona mal vorbei ist, machen wir..." beginnen.
Was die Leute der MJA in Haselbrunn und anderen Stadtteilen erfahren, sind Beispiele einer bisher nicht da gewesenen Krise: "Die Jugendlichen berichten von Ängsten, sobald sie sich im öffentlichen Raum aufhalten oder wenn es zu Treffen im öffentlichen Raum kommt, dort, wo sie ‚erwischt‘ werden könnten von der Polizei oder vom Ordnungsamt", so Klinner. Den jungen Leuten fehlen Freizeitmöglichkeiten, Angebote und Orte. Es machen sich mehr und mehr Zukunfts- und Existenzängste breit, beobachten die Sozialarbeiter. Fragen stehen im Raum wie: Wie geht es weiter mit der Ausbildung, mit dem Beruf, mit der Schule? In den Gesprächen wird offenbar, wie groß die Schwierigkeiten in Bezug der veränderten schulischen Anforderungen sind, die für viele eine Überforderung darstellen. Oft haben sie nicht die ausreichenden technischen Voraussetzungen für Homeschooling.
"Dazu kommen familiäre Probleme in beengten Wohnräumen, fehlende Rückzugsorte, Spannungen, Suchterfahrungen, häusliche Gewalt, finanzielle Mehrbelastungen", so Franziska.
Das Team der Mobilen Jugendarbeit musste seine Arbeit an die neue Situation anpassen, um dennoch ansprechbar zu sein. Begriffe wie Hygienekonzept, Allgemeinverfügung, Kontaktbeschränkungen, Mund- und Nasenschutz, Abstandsregeln prägen den Arbeitsalltag. "Wir müssen flexibel auf die Pandemie reagieren", so Klinner. So gibt es derzeit keine festen Kontaktzeiten und Gruppenangebote in Räumen, dafür aber im Freien.
"Wir sind wir jetzt noch mehr auf der Straße unterwegs, vor allem im Stadtzentrum, in der Hammervorstadt und in Haselbrunn", sagt Anja. In den letzten Monaten habe sich der Hilfebedarf junger Menschen verstärkt. Vor allem die stark eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten zu Freunden und Gleichaltrigen bereiten ihnen große Sorgen. "Wir beobachten Verhaltensweisen und Kompensationshandlungen wie Aggression und Wut, Widerstand gegen Hygienebestimmungen, selbstverletzendes Verhalten, Gewichtszunahme oder -abnahme, exzessiven Medien und Computerkonsum, Unausgeglichenheit, Depressionen", so Klinner.
Die MJA, ein Team von aktuell vier Mitstreitern, versucht mit Einzelfallhilfen zu unterstützen.