Straßenmeister sagt adieu

Der Mann ist eine Frohnatur. Sagt seine Frau - und die hat keinen Grund, ihm Honig ums Maul zu schmieren. Obwohl: Honig spielt eine große Rolle in seinem (und ihrem) Leben.

Oelsnitz/Adorf - "Mir war im Beruf immer ein gutes Verhältnis wichtig - zu den eigenen Leuten und Baufirmen, zu den öffentlichen Verwaltung, zur Polizei und zu den Verkehrsteilnehmern. Da kam mir mein Naturell zugute - und der Rest hat mein Name gemacht. Ich habe immer erklärt: wie der Brotaufstrich."
Es geht um Matthias Honig (63), den Chef der Adorfer Straßenmeisterei: Am gestrigen Montag hatte er seinen letzten Arbeitstag - nach 47 Jahren in der Meisterei. "Ich bin dankbar: Ich hatte ein erfülltes Arbeitsleben."
Am 14. Januar wird er offiziell verabschiedet. Vielleicht kommt dabei der Oktober 1989 zur Sprache, als die Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen durchs Vogtland fuhren. In Oelsnitz erlebte Honig nach eigenen Worten, wie ein Verpflegungsbeutel aus dem Zug in Richtung zweier Polizisten flog: "Guck mal, wie gut die zu essen haben, sagte der eine. Du Trottel, der Beutel sollte dich treffen, erwiderte der andere."
Möglicherweise wird auch über die Zeit nach dem Mauerfall gesprochen, wo Honig geholfen hat, eine Straßenverbindung zwischen Ost und West zu eröffnen, zwischen Gassenreuth und Gattendorf.
Matthias Honig hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt: 1972 hat er eine Lehre zum Facharbeiter für Straßenbautechnik in der Straßenmeisterei Oelsnitz begonnen, die zur Bezirksdirektion für Straßenwesen Karl-Marx-Stadt gehörte. "Ich musste alles machen - auch Frühstück holen. Wir Lehrlinge wurden nicht mit Samthandschuhen angefasst, aber wir haben viel gelernt."
Immer ist er seiner Arbeitsstelle treu geblieben, die nach der Wende zum Straßenbauamt Plauen gehörte, nach Adorf umgezogen ist und heute dem Landratsamt des Vogtlandkreises untersteht.
1978 lernte er seine zwei Jahre jüngere Frau Birgit kennen, beim Adorfer Fasching: "Sie trug Zylinder und einen ganz kurzen Rock", sagt er mit der Zunge schnalzend - und wird von ihr korrigiert: "Es war eine Hose: Meine Schwägerin hatte sie genäht und den Faden bis auf den letzten Stich ausgenutzt. Dabei gibt es den Schneiderlatein, dass man in solch einem Kleidungsstück seinen Ehepartner kennenlernt. Bei mir hat es gestimmt", sagt die Ingenieurin für Textiltechnik, die nach Höhen und Tiefen und einer zweijährigen Umschulung zur Steuerfachangestellten heute in der Verwaltung arbeitet beim Obervogtländischen Verein für Innere Mission "Marienstift". Honig und seine Frau haben drei Töchter großgezogen - die erwachsenen Frauen sind Betriebswirtschaftlerin, Lehrerin, Logopädin. "Mit den Kindern hatten wir unsere schönste Zeit, auch wenn es nicht leicht war, Berufstätigkeit und Familie unter einen Hut zu bringen, zumal die Kinder Sport getrieben haben und Musikschüler waren. Aber wir hatten immer einen Plan - und haben es ohne Handy oder Whatsapp geschafft", erklärt er, dem die Ehefrau nach eigenem Bekunden im Zweifelsfall den Rücken frei gehalten hat.
Nicht selten, dass Honig nachts zum Dienst musste: Wenn Probleme mit dem Winterdienst drohten oder wenn es Ärger gab mit dem Verkehr. Seine Frau habe ihn nie missmutig erlebt: "Er hat nie geklagt - trotz Schlafmangels, ist immer gern auf Arbeit gegangen. Und er war immer ein Super-Papa", lobt die Ehefrau.
Ehe Honig 2015 Chef der Straßenmeisterei wurde, hat er alles gemacht: Auto gefahren, Schichtdienst im Winter geleistet, Straßen repariert, Bäume verschnitten, Verkehrszeichen gestellt; er war Vorarbeiter und Brigadier, Kolonnenführer und Vertreter des Straßenmeisters.
Mit seinen 25 Leuten und neun Fahrzeugen war Honig für 290 Kilometer Straße verantwortlich - von Oelsnitz bis Bad Brambach, von Eichigt bis Schöneck. Unangenehme Erlebnisse? "Manchmal werden wir als Flick-Konzern bezeichnet und Autofahrer reagieren unflätig oder drohen gar mit Schlägen, wenn sie erwischt werden, wie sie bei Rot in eine Baustelle fahren oder weil das Räumfahrzeug nicht schnell genug kommt. Lob für unseren Einsatz ist selten - tut aber doppelt gut."
Die anderen Straßenmeister aus Reichenbach, Plauen und Falkenstein sowie Amtsleiter Dietmar Rentzsch aus dem Landratsamt haben sich bereits von Honig verabschiedet - mit einem prächtigen Präsentkorb. "Dazu gehört ein kleiner Wackelmann mit der Aufschrift ,Vogtlandgreis‘."
Der so bezeichnete nimmt‘s mit Humor: Der Fan des Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach hat als Tischtennisspieler in der Bezirksliga für Adorf und Tirpersdorf viele Punkte und Pokale gewonnen; heute gehört er mit seiner Frau zum "BE Gospelchor", einem Gesangverein in Bad Elster.
Im Winter geht‘s zum Skilaufen und in der warmen Jahreszeit schwingt sich Honig aufs Fahrrad: Nach eigenen Angaben schafft er jährlich bis zu 10.000 Kilometer. ufa