Stimmabgabe am heimischen Küchentisch

Sitzt jemand an seinem heimischen Küchentisch, dann lässt er es sich entweder mit seine Familie schmecken - oder er nimmt als Delegierter am CDU-Parteitag teil. Letzteres traf am Wochenende für den Stadtverbandsvorsitzenden Jörg Schmidt zu.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Dass er als vogtländischer Delegierter seine Stimme für Friedrich Merz abgeben würde - daraus hatte Jörg Schmidt schon Wochen vor der Wahl kein Hehl gemacht. Ebenso lange wusste er auch, dass er an einem besonderen Parteitag teilnehmen würde - einem virtuellen, bei dem es sich die Delegierten in ihrem Arbeitszimmer oder in seinem konkreten Fall auch in der Küche bequem machen würden. Doch dazu später.
Auch der Stadtverband und der Kreisvorstand präferierten Merz als aus ihrer Sicht geeigneten neuen CDU-Vorsitzenden. "Da waren unsere Auffassungen absolut deckungsgleich", sagt Schmidt. Dabei sei nicht ausschlaggebend gewesen, wie im Vorfeld oft kolportiert, dass Merz einen stringenteren Kurs fahre oder deutlich konservativer sei. "Vor allem geht es darum, dass die CDU bestimmte Dinge wieder so klar ausspreche wie bereits vor zehn Jahren. Merz stehe für eine Umprofilierung und wagte sich damit gewissermaßen aus der Deckung heraus", argumentiert der Plauener Stadtverbandsvorsitzende. Der Führungsstil der Christdemokraten trage seit 15 Jahren die Handschrift der Kanzlerin - also stets die gleiche. "Das haben die Menschen auf ihre Weise mit Fakten und Zahlen quittiert."
Dass die Wahl am Wochenende anders ausging, als selbst gewünscht, könne er natürlich akzeptieren, sagt Schmidt. Obwohl das Ergebnis für Laschet nicht besonders komfortabel ausgefallen sei, fügt er an. Der müsse nun seinen eigenen Stil finden, die Wahlergebnisse der letzten Zeit als Signal verstehen und die richtigen Antworten finden. Wichtig ist es aus Schmidts Sicht, dass Laschet mit seiner langjährigen Regierungserfahrung die einzelnen Flügel zusammen zu führen und auch Positionen "aushält", die nicht unbedingt dem politischen Mainstream enthalten. Vor allem müsse er auch den ostdeutschen CDU-Verbänden ein gutes Angebot machen. "Laschet hat eine Chance verdient, der ist schließlich auch nicht auf der Wurstsuppe dahergeschwommen, um es mal vogtländisch zu sagen", meint Schmidt.
Ob sich der Neue auch mal im Vogtland umschaut? "Das ist sowohl legitim als auch nicht gänzlich auszuschließen", drückt sich der Plauener CDU-Chef eher diplomatisch aus. Immerhin wäre es sein Part, Laschet einzuladen Wenn dies der Wunsch der Mitglieder sei, werde er das tun.
Und nun noch mal zur "Küchentisch-Wahl". Ein wenig bedauert Schmidt natürlich, nicht physisch dabeigewesen zu sein. "Schließlich will man sich auf einem solchen Parteitag mit anderen Delegierten unterhalten und auch weiter vernetzen." Technisch gesehen erteilt er dem Parteitag Bestnoten. Die Voraussetzungen waren "einfach großes Kino", sagt Schmidt, der sich selbst nicht unbedingt zur Führungsriege der Technikbegabten zählt. "Es war sowohl kinderleicht als auch sicher, einschließlich der Sicherheitscodes zum ‚Betreten‘ der virtuellen Wahlkabinen, zumal wir vorher bestens gebrieft wurden." Sein Platz am Küchentisch habe damit zu tun, dass er dort den besten WLAN-Empfang habe, lacht Schmidt. "Und kurze Wege zur Kaffeemaschine."