Stelzen feiert musikalische Landmaschinen

Stelzen  - Tuckernde Traktoren auf der Konzertbühne, ein Klavier im Wasser und ein Sänger mitten im Teich. Das Musikfestival "Stelzenfestspiele bei Reuth" hat am Wochenende seinen Ruf als Kultereignis untermauert.

 

Stelzen - Die "Stelzenfestspiele bei Reuth" haben sich am Wochenende als Gesamtkunstwerk präsentiert. Musik an ungewöhnlichen Orten, auf seltenen Instrumenten, gespielt von Interpreten aller Kontinente - das Szenefestival im Dreiländereck von Bayern, Sachsen und Thüringen erfreut sich seit 18 Jahren großer Zuneigung. Diesmal hatte Intendant Henry Schneider das Publikum unter dem Motto "Auf Stelzen Reisen" in die 180-Seelen-Gemeinde Stelzen geladen. Mehrere Tausend Besucher machten das Dorf zu einer Kleinstadt der Künste.

Zu Beginn stand traditionell eine neue "Landmaschinensinfonie" auf dem Programm, mit Gästen aus Südafrika und Neuseeland. Stelzener Einwohner sägten dazu, hackten Holz oder griffen zur Geige. Mehr als 1000 Zuschauer in der überfüllten Festspielscheune auf dem Grünen Hügel Stelzens waren begeistert. Diesmal hatten die Musiker auf landwirtschaftliches Großgerät wie Heuwender und Mähbinder verzichtet, aber die tuckernden Motoren alter Traktoren lieferten zuverlässig den Takt.

Höhepunkt der zweistündigen Show war die Weihe der "Gülle-Orgel". Da standen Festival-Gründer Henry Schneider die Tränen in den Augen, wie er später bekannte. Die "Königin der Instrumente" wird über Gülleschläuche angeblasen. Ein Kompressor und 4000 Liter Luftvorrat sorgen für Druck, der Organist sitzt zu ebener Erde an der Klaviatur. Die Orgel soll für alle Zeiten in der eigens für die Festspiele errichteten Scheune thronen. Auch das übrige Instrumentarium war kauzig. Kuckucksuhren, Dudelsack und Elektronik mischten sich mit Bratsche, Bass oder Spinett. Über Video waren Kühe, Ziegen, Schweine und Hühner zugeschaltet. Kurz nach Mitternacht wurde ein Feuerwerk gezündet. Es war dem 2009 tödlich verunglückten Aktionskünstler Paul Fröhlich gewidmet, der in den Vorjahren unter dem Slogan "Sprengmeisters Nachtgesang" im Duett mit Musikern den Himmel über Stelzen illuminierte.

Am Samstag gingen die Stelzenfestspiele bei idealem Wetter auf Reisen: Traktoren fuhren das Publikum auf Wagen zu diversen Spielorten. Mitten im Wald gab es Barockmusik, begleitet von Vogelgezwitscher. In einer Scheune spielten Musiker zu Stummfilmen. Martin Reick sang mit vollem Einsatz mitten in einem Teich und ließ sich von Thomas Hertel am Klavier begleiten, das in einem Bach stand.

Junge Musiker aus Venezuela brachten die Dorfkirche zum Wackeln. Die weit gereisten gehören zum Ausbildungsprogramm "El Sistema", das Kinder aus ärmeren Familien kostenlos Unterricht und Instrumente bereitstellt. Die Fans waren begeistert. Nicht weniger Jubel erklang später, als mehr als 60 Schüler aus Peking in der Festspielscheune zu traditionellen Instrumenten wie Pipa und chinesischer Geige griffen. Am Sonntag standen das Abschiedskonzert des New Focus String Trios, Schuberts "Winterreise", ein Fußballmatch und das Finale mit dem "Stelzenfestspielorchester" - 80 Musikern des Leipziger Gewandhauses - auf dem Programm. Die "Stelzenfestspiele bei Reuth" beziehen sich mit ihrem Titel auf das nicht weit entfernte Bayreuth. Zu einem der originellsten Festivals in ganz Deutschland reist das Publikum inzwischen aus dem gesamten Bundesgebiet und sogar aus dem Ausland an.  Jörg Schurig