Stärkstes Erdbeben seit 30 Jahren erschüttert das Vogtland

Westböhmen und das Vogtland gelten als Erdbebengebiet. Am Samstag, 12.37 Uhr, erleben die Menschen in der Region den kräftigsten Erdstoß seit Jahrzehnten. Und auch noch stärkere Beben scheinen möglich.

Plauen/Nový Kostel - Das heftigste Erdbeben seit fast 30 Jahren hat das Vogtland und die deutsch-tschechische Grenzregion erschüttert. "Es war so stark, dass die Menschen aus den Häusern gerannt sind", berichtete ein Augenzeuge im tschechischen Fernsehen. "Mir haben die Knie gezittert", sagte ein anderer. Und auch im Vogtland liefen Menschen auf die Straße, aufgeschreckt von den heftigen Erschütterungen und einem lauten Knall, wie Mitarbeiter unserer Zeitung berichten.

In der Gemeinde Stribrna bei Cheb (Eger) stürzten sogar Kamine ein und Mauern bekamen Risse, wie die örtliche Feuerwehr mitteilte. Aus Sachsen, Thüringen und Bayern wurden glücklicherweise weder größere Schäden noch Verletzte gemeldet. Das Zentrum des Bebens lag bei Nový Kostel unweit der deutschen Grenze (nur etwa zehn Kilometer von Adorf entfernt) in einer Tiefe von rund 8,5 Kilometern. Unterschiedliche Institute gaben seine Stärke mit 4,2 bis 4,6 auf der Richter-Skala an. Die Auswirkungen waren im Umkreis von rund 200 Kilometern bis nach Nürnberg zu spüren, so Seismologe Siegfried Wendt vom Geophysikalischen Observatorium der Universität Leipzig.

In der tschechischen Grenzregion waren ein deutliches Rumsen zu spüren und ein Knall zu hören. Selbst im 150 Kilometer entfernten Prag klirrten Gläser in den Schränken. Von Ostsachsen über Ostthüringen bis Mittelfranken berichteten Anrufer bei der Polizei ebenfalls von klirrenden Gläsern, wackelnden Fußböden und schwankenden Häusern. Das Geophysikalische Institut Prag gab die Stärke des Bebens mit 4,5 bis 4,6 an. Das hätten neue Berechnungen ergeben, sagte Seismologe Josef Horalek. "Es war entweder das zweitstärkste oder sogar das stärkste Beben der letzten 100 Jahre in der Region." Ein ähnlich starkes Beben hatte zuletzt im Dezember 1985 das Grenzgebiet erschüttert - vor fast drei Jahrzehnten.

Bis Sonntagmittag gab es in der Region mehr als 100 Nachbeben geringerer Stärke. "Die deutlich erhöhte Aktivität kann über Monate anhalten, oder nach 14 Tagen vorbei sein", so der Leipziger Experte Wendt. Der Erdbebendienst der Bundesanstalt für Geowissenschaften in Hannover sprach von einem "vergleichsweise starken" Beben der Stärke 4,4. "Das Vogtland ist ein typisches Erdbebengebiet in Deutschland", sagte Seismologin Monika Bischoff. Dort treten immer wieder Schwarmbeben auf. Bischoff erklärte, Ursache für das Beben seien Vorgänge in einer Tiefe zwischen sechs und zehn Kilometer unter der Erdoberfläche.

Dort stiegen Flüssigkeiten und Gase - sogenannte Fluide - durch das geschmolzene Gestein und suchten einen Weg nach oben. Wenn der Druck hoch genug sei, stießen die Fluide das Gestein zur Seite und setzten die Erdkruste dabei in Bewegung. Folge sei das Erdbeben. In den nächsten Tagen sei weiter mit Nachbeben zu rechnen. Erst vor einer Woche hatte solch eine Serie bei Nový Kostel mit einer Stärke bis 3,5 gen Norden ausgestrahlt. Für Wendt war das die erste Phase der aktuellen Reihe.

Beim Erdstoß vom Samstag sei aber das Hundertfache an Energie freigesetzt worden. Der Leipziger Experte schließt einen noch höheren Ausschlag in Westböhmen für die Zukunft nicht aus. "Ich würde mich nicht wundern, wenn es eine halbe Einheit mehr wird." Auch die Prager Kollegen halten noch eine kleine Steigerung für möglich, wie Horalek sagte. "Ich bin zu 99 Prozent überzeugt, dass in der Region kein Erdbeben stärker als 5 entstehen kann", fügte der tschechische Fachmann allerdings hinzu. dpa/red