Sperken-Saga in fünf Bildern

Oelsnitz - Ein Höhepunkt im Stadt-Kalender drohte im Wasser unterzugehen. Doch trotz des grauen Regenwetters zog es die Oelsnitzer am Samstag in Scharen auf ihren Marktplatz zur Brunnenweihe, während das Bundespolizeiorchester Marsch auf Marsch intonierte. Das einzig Bunte waren die Regenschirme, unter denen die Leute hervor auf die verhüllte Brunnenplastik lugten.

 

Die Spannung stieg, als gegen 15 Uhr Oberbürgermeisterin Eva-Maria Möbius mit der Feuerwehrleiter fünf Meter hinauffuhr und die helle Plane lupfte. Der kollektive Laut der Bewunderung belohnte die OB für die Mühe. Goldig schimmerte die Bronzegruppe auf der Mittelsäule mit den Figuren der Sperkensaga, aus denen sich wenig später die ersten Wasserstrahlen ergossen und die Brunnenschale füllten. Wein und Bier als Freigetränk gab es nebenan.

Damit sei die Marktplatzgestaltung vollendet, verkündete Möbius aus der Höhe. Die Brunnenfiguren verkörpern die Sperken-Saga in der von Karl Völkel, einem Oelsnitzer Autor, überlieferten Fassung, dessen Nachkommen mit anwesend waren. Eine andere Version, in der die Sperken mit dem Strohhalm eine Rolle spielen, sei ebenfalls als Zitat verewigt, erklärte die OB.

Besonders freute sich Peter Luban, der Metall- und Emaillegestalter aus Rößnitz, der nach zweieinhalb Jahren Arbeit nun sein Werk der Öffentlichkeit übergab, das in der Gießerei Becher in Marienbad letzte Gestalt angenommen hatte. Nur wenige Städte wie Bremen oder Hameln haben eine so markante moralische Sage, verkündete er den Oelsnitzern. Sein Anliegen sei es gewesen, der historischen Bausubstanz zu entsprechen und ein Achtungszeichen zu schaffen, das Identität stiftet. In fünf Bildern "erzählt" Luban die Sage: Ein kluger Mann kommt ich die Stadt und erntet Missgunst. Die Bürger wollen den Fremden verbrennen, aber das Feuer zündet nicht. Auf der Leiter zum Galgen verflucht er die Oelsnitzer. Er verwandelt sie in Sperken, welche der Plauener Wind durcheinander wirbelt. Doch der Fremde in Gestalt eines Raben verzeiht und hebt den Spuk wieder auf. Für Luban hat die Geschichte von ihrer Aktualität nichts eingebüßt.

So sah es auch Pfarrer Hendrik Pröhl, welcher mit seinem katholischen Kollegen, Pfarrer i.R. Roland Müller, den geistlichen Segen spendete. Pröhl deutete die Sage als eine Begebenheit fehlgeschlagener Integration - Menschen, welche dem Fremden ohne Toleranz begegnen, verwandeln sich in ein kleines braunes Nichts. Bürger, welche "die bunten Vögel in der Stadt lassen", handeln weitsichtig.

Die achteckige Brunnenschale, Stufen und Mittelsäule des Brunnens aus Granit schuf die Oelsnitzer Steinmetzfirma Ballmann am Letzten Heller. Der Rohstoff kommt vom Waldstein im Fichtelgebirge, gab Seniorchef Walther Ballmann Auskunft. Es sei das gleiche Material wie an der Rathausarkade vor dem Hauptportal. Der neue Brunnen knüpft an eine Gestaltung von 1870 an, an die sich ältere Oelsnitzer noch erinnern können.

Gespeist wird der Brunnen von einem Zulauf aus der städtischen Wasserleitung im Keller des Rathauses. Die alte Technik erneuerte die Firma Morgner. Das ablaufende Wasser wird in großen Becken unter dem Brunnen gesammelt und unter Zuführung von Frischwasser in einen Kreislauf gepumpt, erklärte Stadtbaumeisterin Karin Schuberth. Das Wasser werde keimfrei gemacht. "Trinkwasser ist es aber nicht", warnte sie. In der frostfreien Periode, etwa von Mitte April bis Ende Oktober, rund um die Uhr, soll der Wasserspender sprudeln.

Was meinten Einwohner und Gäste zu dem neuen Brunnen? "Ich bin völlig überrascht. Große Klasse!", kommentierte Oldtimer-Guru Werner Puggel. "Die Gestaltung ist total gelungen", äußerte MdL Andreas Heinz. "Da muss noch ein Sperk obendrauf", forderte OCC-Urgestein Egon Roßner.