Späte Liebe für die Malerei

Erstaunlich viele Leute malen in ihrer Freizeit - vom Promi bis zum Normalo. Stetig zugenommen an Mitgliedern hat der Malzirkel Oelsnitz seit seiner Gründung 1997.

Oelsnitz Einer der malenden Enthusiasten ist Dietrich Wöllner. "Ich bin der jüngste Zugang im Zirkel und an Lebensjahren das älteste Mitglied", scherzt der 83-Jährige. "Seit 80 Jahren" beantwortet er die Frage, seit wann er male. Positive Impulse für die Arbeit mit Zeichenstift und Wasserfarbe gab die Schule kurz nach dem 2. Weltkrieg. Im Gebäude in der Melanchthonstraße regte Lehrer Männel die Phantasie der Kinder an, indem er Balladen vortrug. "Wir waren sehr begeistert von diesem Unterricht, alle haben mitgemacht", erzählt Wöllner. An die dabei entstandenen "Unterwasserbilder" nach Schillers Ballade "Der Taucher" kann er sich noch heute erinnern. In der 7. und 8. Klasse wurden die Kinder in der Voigtsberger Schule unterrichtet. Klassenkamerad war der nachmals so bekannte Komponist und Professor Karl Ottomar Treibmann, der offenbar nicht nur in Noten begabt war. "Wir erhielten von unserer Zeichen-Lehrerin, Frau Müller, immer Sonderaufgaben", erzählt Wöllner. Mit dem Bleistift mussten Köpfe gezeichnet werden, darunter die von Marx und Engels. Das trug offenbar Früchte, denn später in den fünziger Jahren auf der Bauschule in Greiz - die gibt's schon lange nicht mehr - reüssierte Wöllner in dem stark ideologiebestimmtem Lehrbetrieb im Freihandzeichnen. "Meine einzige Eins", gibt er freimütig zu. Fast kaputt lacht er sich im Nachhinein. Generationen von Stundenten arbeiteten sich in unzähligen Zeichnungen an einer "knorrigen Eiche" im Greizer Park ab, bis einer auf die Idee kam, an das Gewächs heranzutreten. Laut Beschilderung war es ein Tulpenbaum.
Als Architekt hatte es Wöllner dann jahrzehntelang mit technischen Zeichnungen zu tun. Im Metallleichtbaukombinat (MLK) in Plauen entwarf der Oelsnitzer Projekte fürs In- und Ausland, auch das kapitalistische, so für den Hamburger Hafen. Für Auftraggeber von Algerien bis in den Irak entstehen vorwiegend Planungen im Sport- und Militärbereich. Dorthin reisen durfte er nicht. Beruf und Familie, der Aufbau des Eigenheims dominierten das Leben für Jahrzehnte. Zur intensiven Beschäftigung mit der Malerei fand Wöllner erst mit dem Beitritt zum Oelsnitzer Malzirkel 2015. "Die Damen waren begeistert , dass endlich mal ein Mann kam", erinnert sich der Spaßvogel. Der Neuankömmling experimentierte mit Gouache, Acryl- und Ölfarbe. "Ich habe alles ausprobiert", sagt er, "denn die Technik trägt bei, dass ein Bild mehr Substanz hat". Landschaftsmalerei, Aktbilder, Arbeiten mit politischen Aussagen wie der "Profi taurus Rex" entstehen in rascher Folge. Die Wände im Haus füllen sich. Im ohnehin schon überlasteten Arbeitszimmer zieht eine Staffelei ein. Unter den großen Vorbildern wählt er sich die moderne Malerei, das Bauhaus, Künstler wie Kandinsky und Warhol. Jüngste Versuche gelten der dreidimensionalen Malerei. "Gegenüber meinen ersten Bildern sehe ich eine Entwicklung", sagt Wöllner. Dass einer dem anderen beisteht im gegenseitigen Austausch, ist das Wichtige für ihn im Malzirkel.
Bemerkenswert, wer alles neben dem Hauptberuf zu Pinsel und Farbtöpfen greift. Sogar von Wladimir Putin findet sich eine Malerei im Internet. Der Sänger Udo Lindenberg hat eine eigene Kunstrichtung entwickelt - und sich patentieren lassen - die Likörelle, hervorgegangen aus dem Aquarellieren mit Likör.
Was gibt Wöllner das Eintauchen in die Welt der Farben über die "schöne Freizeitbeschäftigung" hinaus? "Es reizt mich immer wieder zum Nachdenken über die Entwicklung von Kultur und Gesellschaft und zur Auseinandersetzung mit mir selber", sagt der begeisterte Amateur. R.W.

Kalenderblatt 19

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(Zerbrochene
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Kalenderblatt 16:
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