Sitzend Siegeszug angetreten

Wie wir auf einem Stuhl sitzen, verrät mehr über uns, als uns manchmal lieb ist. Wir können selbstbewusst erscheinen oder verschüchtert, souverän oder devot, dominierend oder abwartend und ängstlich. Das liegt meist an uns, kann aber auch mit dem Sitzmöbel und seiner Form zusammen hängen.

Stühle sind in der Geschichte der Menschheit Ausdruck von Machtverhältnissen gewesen. Im alten Ägypten thronten nur die Pharaonen als Symbol ihres Machtstatus'. Während es ansonsten üblich war, sich auf dem Boden niederzulassen, nahmen sie als Herrscher die erhobene Position auf einem Sitz ein. Später kennen wir die prächtigen Throne der Könige und Fürsten, an den Plätzen weltlicher und geistlicher Macht, in Herrscherhäusern und Klöstern.

In der Folge, etwa ab dem 16. Jahrhundert, wurde die Praxis des Sitzens vom Bürgertum übernommen. So gewöhnte man sich in Europa an das Kulturgerät Stuhl.

Im Wort "gesetzt" wird eine entsprechende Denk- und Lebensweise deutlich. Doch es gibt auch Ausnahmen: Der Philosoph Friedrich Nietzsche zog es vor, im Gehen seine Ideen zu finden, und Goethe stand Zeit seines Lebens zum Schreiben an seinem Stehpult. Stühle in vielfältigen Formen und Materialen sind - wenn auch "en miniature" - derzeit in der Akademiegalerie im Weisbachschen Haus zu sehen.

 

Drei Exemplare in Originalgröße, alle anderen auf ein Sechstel verkleinert. Diese Reproduktionen jedoch ermöglichen einen einzigartigen Zugang zur internationalen Designergeschichte der letzten 150 Jahre. Gefördert und unterstützt wird die Ausstellung von der Walther Büroorganisation und Einrichtung GmbH, dem Vitra Design Museum, der Thonet GmbH und dem Verein Initiative Kunstschule Plauen. Größe Namen haben sich dem Kulturgut Stuhl als Designer zugewandt und Klassiker des modernen Möbeldesigns entworfen: Michael Thonet, Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier, Gerrit Rietveld (dessen avantgardistischer Rood blauwe stoel von 1918 das Werbeblatt der Ausstellung schmückt), Arne Jacobsen oder Verner Panton, um nur einige Namen zu nennen. Deren verkleinerte Stühle sind noch bis zum 22. Mai zu bewundern. Nicht zuletzt dienen Stühle auch Statussymbol. Im Büro erkennen wir den Chefsessel sofort an Umfang, Größe, Exklusivität der Armlehnen, der suggerierten Aura von Schwere und Unverrückbarkeit. Andererseits nützt der massivste Stuhl nicht viel, wenn darauf ein Leichtgewicht Platz genommen hat.  M.B.