"Singendes, klingendes Bäumchen" und "Dr Vugelbeerbaam"

Zwei Premieren waren bei der gestrigen Verleihung hoher Plauener Auszeichnungen im Malzhaus zu verzeichnen. Zum einen gingen beide Preise an Frauen, zum anderen wurde mit Ruth Müller-Landauer erstmals einer Frau die höchste Ehrung der Spitzenstadt zuteil.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Das Fazit zuerst: Es war keine Veranstaltung "von der Stange". Die Ehrungen wurden nicht nur wie gewohnt feierlich vollzogen - es wurde wohl auch noch nie so viel gelacht, getanzt und gesungen. Das Geheimnis um die beiden mit Stadtplakette und Ehrenbürgerschaft Ausgezeichneten war kein eigentliches - bereits im Juni hatte sich der Stadtrat mit Zweidrittelmehrheit für die beiden engagierten Frauen entschieden, ohne die die Stadt ein Stück ärmer wäre - an Geschichte, an Sehens- und Hörenswertem. Dass mit Margitta Schier von den Weberhäusern eine davon als Hexe gilt, vergaß Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer in seinen Begrüßungsworten nicht zu erwähnen. Zugleich begrüßte er den anwesenden Ehrenbürger Plauens, Prof. Klaus-Dieter Waldmann, Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas, den Landtagsabgeordneten Frank Schaufel (AfD) sowie die Fraktionsvorsitzenden der im Stadtrat vertretenen Parteien. Doch all denen stahlen die beiden Frauen gewisser maßen die Schau, wie sich alsbald herausstellen sollte.
Für die auf Vorschlag der Linken mit der Stadtplakette geehrte Margitta Schier verlas die Fraktions-Chefin der Partei, Claudia Hänsel, die Laudatio. Als Margitta Schier vor fast 20 Jahren beginnt, sich dem Projekt der Weberhäuser zu widmen, bieten sich nicht nur vor ihrem geistigen Auge eine Reihe alter, verfallener Häuser. An denen, wie deren Innerem nimmt sie behutsam Veränderungen vor, füllt das Innere mit neuem, kreativem Leben. Dabei bricht sie Erwartungen - und wer das tut, muss auch immer mit Widerständen rechnen. Ständig habe sie wie David gegen Goliath gekämpft, würdigte die Laudatorin Margitta Schiers Herangehen. Heute könne man in den vom Unikat-Verein betreuten Häusern längst vergangenen Zeiten nachspüren, Kerzen ziehen, Töpfern, die beliebten Filmnächte besuchen, den Klanggarten. Und eine Adventszeit ohne das Flair der verzauberten Häuschen ist gleich gar nicht denkbar. Klar hat die "Chef-Hexe" unermüdliche Geister an ihrer Seite, die sich von ihrem Elan anstecken lassen - oder auch umgekehrt. Sie habe sich einen kindlichen Blick auf die Dinge bewahrt und das ist ein riesiger Gewinn", hat es Margitta Schier nun in Form der Laudatio schwarz auf weiß. "Bei ihr dürfen Kinder selber probieren, machen, auch scheitern. Sie will nicht erziehen und tut es dennoch, ohne den erhobenen pädagogischen Zeigefinger." Natürlich ist jede Laudatio mit einem abschließenden Blumenstrauß verbunden - in diesem Falle nicht. Stattdessen wird ein singendes, klingendes Bäumchen auf die Bühne getragen, die dann für wenige Minuten Margitta Schier gehört. Die Dankesrede der taffen Frau fällt kürzer aus, als von ihr selbst geplant - Tränen der Rührung und Dankbarkeit lassen sich nicht mehr unterdrücken. Als die mühsam heruntergeschluckt sind sind, ist sie wieder die kämpferische Hexe und bittet den OB, das Projekt Weberhäuser weiter zu unterstützen.
Der Laudator für Ruth Müller-Landauer sorgt schon vor Beginn für Aufsehen. Ingo Eckardt, der die Rede namens der vorschlagenden CDU und SPD/Grünen hält, erscheint in vuchtlännischer Tracht. Dazu gehört eine Mütze - und den Hut zogen alle Anwesenden für das Kunststück, die gesamte Laudatio in lupenreiner Mundart zu halten. Um "Übersetzungsfehler" zu vermeiden, sei die Würdigung der 90-jährigen Grand Dame der Spitzenstadt in Hochdeutsch wiedergegeeben. Als er gesehen habe, dass "de Ruth" zu ihrer Geburtstagsfete mit dem Motorrad angedüst kam, war ihm klar, dass die künftige Ehrenbürgerin auch noch den 100. feiern werde. Natürlich spielt ihr Wirken als zunächst Elevin und später Tanzschülerin am Plauener Theater eine Rolle, ihre Arbeit als Soubrette am Greizer, ihr späterer Wechsel ans Geraer Theater. An der Friedensschule übernimmt sie Anfang der 70er die Leitung der Theater AG und wieder später gründet sie die Jugendtanzgruppe vom Arbeitervariete. Kurz nach der Wende - Ruth hat das Rentenalter gerade erreicht - gründet sie 1990 ihre eigene Kinder- und Jugendtanzgruppe: den Vergissmeinnicht-Verein. Bis heute steht die kleine Frau mit dem großen Herzen montags bis freitags mit ihren Mitgliedern in der Turnhalle und trainiert. Und wenn etwas nicht klappt - die Ruth kann es allemal noch vormachen. Und nun doch noch mal rein in de Mundart. "Wenn mor mal zammfassn wulln: Unner Ruth Müller-Landauer is fei bis heit ganz schee umtriebisch. de Familie un des Danzn warn immer dor Antrieb fer unner Neideiteln."
Und dann ist das Publikum an der Reihe: Nur für de Neideiteln erklingt "Dr Vugelbeerbaam", auswendig oder vom Blatt gesungen. Dass ihre Mädels vom Verhissmeinnicht-Verein dann die Bühne zum Tanzsaal werden lassen, hat sie freilich nicht geahnt. Müller-Landauer dankt auf ihre Weise: "Ich danke allen, die mich mögen und auch denen, die mich nicht mögen. Sie alle haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin, eine richtige Plauenerin."
Schließlich muss sie noch ein Missgeschick beichten: "Ich hab mir gestern den Daumen an der Autotür gekloppt, das muss man erst mal schaffen." Daher setzt sie ins Goldene Buch der Stadt erst mal nur ihre Unterschrift und lässt sich drüber Platz für später, wenn der Daumen wieder mitspielt.
Im Anschluss wird der Bürgerpreis der Sparkasse Vogtland verliehen - an den Spitzenfestverein und die Initiative Plauen für das Ausrichten der Stadtfeste, a den Unikat-Verein, den Verein Verhissmeinnicht, sowie die Freiwilligen Feuerwehren Mitte und Neundorf. In einem zweiten "Block" werden auch die Freiwilligen Wehren von Großfriesen, Jößnitz, Kauschwitz, Stöckigt, Straßberg, Thiergarten und Zwoschwitz geehrt. Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde von Adrian Bauer und Helene Sennewald vom Vogtlandkonservatorium "Clara Wieck".