Sigmund Jähn: "Ich hatte immer viel Glück"

Die Vogtländer trauern um Sigmund Jähn. Im Raumfahrtmuseum seines Geburtsortes Rautenkranz liegt ein Kondolenzbuch aus. Der erste deutsche Raumfahrer starb am Samstag im Alter von 82 Jahren in seinem Wohnort Strausberg bei Berlin.

Morgenröthe-Rautenkranz -  In der Gemeinde Muldenhammer sind die Menschen, die Sigmund Jähn auch persönlich gut kannten, schockiert. "Mit diesem plötzlichen Tod haben wir gar nicht gerechnet", sagt Romy Mothes, Chefin des Deutschen Raumfahrtmuseums. Denn vorigen Mittwoch und Donnerstag sei der Sigmund noch in der Ausstellung gewesen und habe Gäste herumgeführt - so, wie er es häufig tat. "Sigmund Jähn war nicht nur unser Kosmonaut, er war auch unser Freund. Er wird uns fehlen", so Mothes. In aller Eile ließ die Deutsche Raumfahrtausstellung, in deren Vorstand Jähn saß, am Montag bei Conception Seidel ein Kondolenzbuch fertigen. Seit gestern darf sich ein jeder dort eintragen.
"Bei bester Gesundheit" hat auch Muldenhammers Bürgermeister Jürgen Mann den Fliegerkosmonaut auf seinem Kurzbesuch im Vogtland voriger Woche noch vorgefunden. Um so geschockter war der Bürgermeister, als er vom Tod des berühmtesten Sohnes seiner Gemeinde erfuhr. Jähn sei in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur das Flaggschiff und der Leistungsträger rund um die Raumfahrtausstellung gewesen, sein überraschender Tod schmerze vor allem menschlich. Mann: "Sigmund war immer bescheiden, zurückhaltend. Er stand mit beiden Beinen auf dem Boden, war ob seiner Leistungen nie abgehoben." Er habe immer gesagt: "Ich war derjenige, der immer viel Glück hatte." Seit vielen Jahren ist Sigmund Jähn Ehrenbürger der Gemeinde, und Jürgen Mann zieht es in Erwägung, am Täg von Jähns Beisetzung (Ort und Zeit noch unbekannt) die Fahnen vor dem Rathaus auf Halbmast zu setzen.
"Ich bin bestürzt", sagt Konrad Stahl, der als Ex-Bürgermeister und
früherer Vorstandschef des Raumfahrtvereins für ihn ein guter Freund geworden ist. Kennengelernt habe er Jähn aber eigentlich über den Männergesangsverein. "Früher waren wir 30 Sänger, heute nur noch acht. Aber wenn Sigmund im Vogtland war, hat er mit uns immer ein Liedel gesungen - und wir zwei waren auch oft mal auf ein Bier auf seiner Datsche in Rautenkranz." Dass der Sigg zeitlebens einer von ihnen geblieben ist, daran zweifelt Stahl keinen Moment. "Er saß mit uns am Stammtisch wie jeder andere und hat sich nie hervorgetan damit, ein Fliegerkosmonaut gewesen zu sein."
Dass in der Raumfahrtausstellung weltweite Raumfahrtprominenz zu den jährlichen Treffen ein- und aus geht und die Kontakte zu ESA, DLR und ins russische Sternenstädtchen bestens seien, dafür habe Jähn den Grundstock gelegt. Stahl: "Durch Sigmund ist es uns gelungen, den Kontakt zur Nachfolge-Raumfahrergeneration aufzubauen, etwa zu Alexander Gerst."
In Rautenkranz, im Vogtland, ja in ganz Ostdeutschland haben sich die Menschen mit der Todesnachricht die knapp acht Tage im Sommer 1978,die das spätere Leben von Sigmund Jähn prägen sollten, in Erinnerung gerufen. Am 26. August startet der DDR-Kosmonaut vom Weltraumbahnhof Baikonur mit der Raumkapsel "Sojus 31" zur Orbitalstation Saljut 6. Mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski (1934-2019) verbringt er 7 Tage, 20 Stunden und 49 Minuten im All und umkreist die Erde 125 Mal die Erde. Nach seiner Rückkehr am 3. September ist der Raumfahrer in der DDR ein gefeierter Held.
In der DDR kannte jedes Kind seinen Namen. Viele wollten wie er Kosmonaut werden, schwerelos im All schweben und die Erde aus dieser Perspektive beobachten. Der am 13. Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz geborene Sigmund Werner Paul Jähn hatte Buchdrucker gelernt, ging dann zur Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) und wurde Jagdflieger. 1976 wurde er von der DDR als einer von anfangs vier Kandidaten für einen sowjetischen Weltraumflug ausgewählt.
Die harte Vorbereitung lief im Sternenstädtchen bei Moskau. Um sich an die Schwerelosigkeit zu gewöhnen, erhöhte er das Ehebett - seine Frau war damals dabei - mit Büchern so, dass seine Beine höher lagen. So wollte er sich an den Blutandrang im Gehirn gewöhnen. Später berichtete er von endlosen Runden auf einem Drehstuhl. "Manchen fällt dabei das Essen aus dem Gesicht", gab er zu. An Bord von Saljut 6 standen Experimente zu Medizin, Biologie und Materialwissenschaft an. Jähn machte Aufnahmen mit der Multispektral-Fotokamera MKF-6, stempelte aber auch Briefe mit Sonderbriefmarken ab. "Eine Woche lang verloren die Gesetze der Schwerkraft scheinbar ihre Wirkung, war es völlig gleichgültig, ob ich mit dem Kopf nach ,oben‘ oder nach ,unten‘ hing", schrieb er im Buch "Erlebnis Weltraum".
In seinem Gepäck hatte der Kosmonaut das "Manifest" von Marx, "Faust" von Goethe und eine Figur des DDR-Sandmännchens. Am 3. September kehrten Jähn und sein Kollege Bykowski zur Erde zurück: Ihre Kapsel landete in der kasachischen Steppe.
Fortan reiste Jähn durch die DDR, von der Führung als Vorbild und Symbol der Überlegenheit des Sozialismus präsentiert. Sein Konterfei zierte eine Briefmarke, kam auf eine Gedenkmünze, Schulen und Kindergärten wurden nach ihm benannt. Freunde berichteten, dass ihm das Brimborium um seine Person nicht behagte. Nach der Wende haderte er nicht mit seiner DDR-Vergangenheit. Nach dem Mauerfall wurde Jähn - mittlerweile Generalmajor - zunächst arbeitslos. Später arbeitete er für das DLR und die Europäische Weltraumorganisation (Esa) und bildete europäische Astronauten im russischen Sternenstädtchen aus.
Bis ins Alter ließ ihn die Faszination für die Raumfahrt nicht mehr los. Zu seinem 75. Geburtstag sagte er, dass er sich sofort noch einmal auf die Reise machen würde. "Angst, hatte ich nie. Dann wäre ich blockiert gewesen." Vom Glück, den blauen Planeten vom All aus beobachten zu können, schwärmte Jähn zeitlebens. Und er sorgte sich darum, was der Mensch mit ihm anstellt. "Ob die Zukunft der Erde in den Sternen liegt, weiß man nicht. Ich weiß es jedenfalls nicht", sagte er. "Aber ich weiß, dass es auch auf der Erde sehr schön ist."
Cornelia Henze/dpa