Siberskis "lange Liste der Glücksmomente"

Den anstehenden Generationswechsel bei den Clara-Schumann-Philharmonikern sieht er als "große Herausforderung und enorme Chance". Leo Siberski, der Generalmusikdirektor des Theaters Plauen-Zwickau, freut sich darauf. Zur "Halbzeit" seines aktuellen Vertrages sprach unser Redaktionsmitglied Wilfried Hub mit dem GMD über vergangene Erfolge und künftige Projekte.

Herr Siberski, im Moment steht wegen der Corona-Pandemie alles still, auch in den Theatern. Wie geht es Ihnen?
‚Stillstand ist meine Sache nicht!‘, um Papageno aus Mozarts Zauberflöte frei zu zitieren. Außerdem herrscht in der Planungsabteilung im Theater rege Betriebsamkeit, wie Sie sich vorstellen können. Es müssen für ein sogenanntes "Wieder-Hochfahren" mehrere Auflagen-Szenarien gleichzeitig gedacht werden, was einen ständigen Spagat zwischen Pflicht und Kür nötig macht. Aber mir geht es gut, danke, dass Sie fragen!

Es gab ja in den vergangenen Wochen trotz Corona bereits einige Angebote des Theaters fürs Publikum. Welches Projekt war Ihrer Meinung nach besonders gelungen?
Wir wollen ja auftreten, sehnen uns nach Performance - da waren die Video-Clips ein wenig Balsam für die Seele. Ich finde, wir haben unserem Publikum im Netz bis jetzt eine gute Bandbreite von rührenden persönlichen Statements bis zu einigen sehr hochwertigen Clips geboten. Wir machen da online übrigens weitaus mehr als viele andere, auch größere Theater. Wie gesagt, leben wir gerade alle zwischen Pflicht und Kür. Aber wenn Sie nach meinem persönlichen Favoriten fragen, würde ich das "bodyguard"-Video unserer jungen Veranstaltungstechniker mit dem laufenden Karton nennen, eine regelrechte Kreativ-Explosion!

Sind weitere Projekte während der Schließung geplant? Wie verbringen Sie Ihre (freie) Zeit?
Von den aufwändig produzierten Clips wird es auf jeden Fall noch mehr geben, von allen Sparten - da haben wir tatsächlich ein wenig Blut geleckt. Ich bin ja ohnehin sehr technikaffin und verbringe gerade viel Zeit in meinem Musikstudio zuhause. Daneben versuche ich auch, mich fit zu halten. Außerdem nehme ich mit viel Spaß an den musikalischen Aktionen vor Altenheimen teil, bei denen wir inzwischen regelmäßig mit verschiedenen Ensembles der Clara-Schumann-Philharmoniker den Heimbewohnern an den Fenstern etwas kulturelle Abwechslung verschaffen.

Sie haben am Theater Plauen-Zwickau einen Vertrag über fünf Jahre. Davon ist etwa die Hälfte bereits vorüber. Wie schätzen Sie Ihre Arbeit mit dem Orchester ein? Was waren die Höhepunkte in den ersten Jahren?
Schon die Hälfte rum? Ach, herrje! Nein, Spaß beiseite, es macht mich schon stolz, was wir mit den Philharmonikern erreicht haben in relativ kurzer Zeit. Die Liste der Glücksmomente ist lang, geht von den "Königskindern" und "Don Giovanni" im Musiktheater bis zu den zahlreichen Höhepunkten im Sinfoniekonzert, zuletzt natürlich die Konzerte mit Frank Dupree und die beiden "Composer's Night"-Programme in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel-Ensemble. Aber ebenso haben wir mit unseren Ausflügen ins crossover-Repertoire große Fußabdrücke hinterlassen, zum Beispiel im Vogtlandtheater mit der Band "Apfeltraum" und in Zwickau bei den Wirtschaftsbällen der letzten zwei Jahre. Und auch die Arbeit mit unserem großartigen Musiktheater-Ensemble ist mir bis jetzt eine Freude gewesen.

Zuletzt gab es viel Lob für Ihre Arbeit. Sie hätten das Orchester sehr gut entwickelt und zu nie da gewesenen Höchstleistungen motiviert?
Diese Beobachtung freut mich sehr. Aber das ist ja keine Einbahnstraße. Ich bin ein nicht immer angenehmer Zeitgenosse in den Proben, und dass sich ein Orchester auf meine oft unerbittliche Arbeitsweise einlässt, empfinde ich nicht als Selbstverständlichkeit. Es bleibt ein Geben und Nehmen von Respekt und Verlässlichkeit, und wir versuchen immer im positiven Flow zu bleiben.

Den Pianisten Frank Dupree als Artist-in-Residence zu engagieren, war eine tolle Idee, die beim Publikum in Plauen und Zwickau sehr gut ankam. Gibt es da eine Fortsetzung mit einem neuen Künstler?
Unbestritten ist das eine Erfolgsgeschichte, obwohl sie jetzt erstmal vor der Zeit ein jähes Ende gefunden hat. Aber ich habe mich mit Frank Dupree verständigt, dass wir uns in der nächsten Konzertsaison in jedem Fall wiedersehen! Auch hier gilt: Niemand weiß, wie und wann es weitergeht. Wir wollen das ‚artist-in-residence‘-Prinzip biennal planen, für die Saison 2021/22 laufen also schon Gespräche um wieder eine interessante Künstlerpersönlichkeit an uns zu binden.

Sind weitere Projekte geplant?
Ich finde, dass wir inhaltlich mit unseren Sinfoniekonzerten gut aufgestellt sind. Für alle Hörerprofile vom Einsteiger bis zum Klassikkenner ist etwas dabei, und trotzdem bieten wir kein "Leipziger Allerlei". Dies ist übrigens auch ein Ergebnis eines intensiven inhaltlichen Austauschs mit dem Orchester. Mein Wunsch wäre, dass wir weiter an unserer Kulturvermittlung arbeiten. Wo und wie können wir unsere Inhalte noch anbieten? Die Devise heißt: "Noch erfolgreicher und nachhaltiger die Hemmschwelle zu unserem Angebot herabsetzen", und zwar ohne dabei unseren Bildungsauftrag zu verraten. Im Konzertbereich könnten "After-Work-Konzerte" eine Idee sein, auf jeden Fall müssen wir aber unser Angebot für Familien stärken. Hier gilt es, alle bisherigen musik-pädagogischen Anstrengungen zu bündeln. Kunst ist auch Bildung, Herzensbildung.

Im Orchester steht ein Generationswechsel an. Sicherlich eine Herausforderung für Sie. Gibt es dazu schon erste Überlegungen?
Absolut eine Herausforderung und gleichzeitig eine enorme Chance! Ungemein wichtig dabei wäre es, den so positiven künstlerischen Geist zu bewahren, der den Clara-Schumann-Philharmonikern innewohnt. Also Weitergabe eines riesigen Erfahrungsschatzes, gepaart mit der Liebe zur Musik an eine junge, offene Musikergeneration, die technisch auf der Höhe der Zeit ist. Ich habe das Gefühl, dass diese Aussicht auf einen einzigartig verjüngten und gleichzeitig weiterhin so hoch motivierten Klangkörper noch niemandem in der Region richtig bewusst ist. Mein Vorschlag war schon vor einiger Zeit, eine Clara-Schumann-Akademie für junge Orchestermusiker einzurichten, die uns gleichzeitig als Nachwuchs-"Schmiede" dienen könnte - zumindest bis der Generationswechsel abgeschlossen wäre. Dieses würde auch die Einschränkungen im sinfonischen Repertoire kompensieren können, die uns immer noch mit dem Damokles-Schwert der anstehenden 15-prozentigen Stelleneinsparung drohen.

Zweieinhalb Jahre sind schnell vorbei. Würden Sie danach ihre Arbeit in Zwickau und Plauen gerne fortsetzen?
Unter bestimmten Voraussetzungen sehr gern. Die angesprochene Nachwuchs-Akademie ist mir wichtig. Ich hätte aber auch sonst noch einiges hier vor. Den oben skizzierten Übergangs- und Wachstumsprozess des Orchesters verantwortlich zu gestalten, wäre mir eine höchst willkommene Aufgabe, ja eine Herzensangelegenheit.
Wurde mit Ihnen schon über eine Vertragsverlängerung gesprochen? Es wäre ja zu erwarten, dass Theaterleitung, Aufsichtsrat und Gesellschafter frühzeitig Klarheit schaffen möchten. Ansonsten besteht ja die Gefahr, dass Sie sich umorientieren und nach neuen Herausforderungen Ausschau halten.
Man kann in der aktuellen Corona-Krise gerade sehr gut das dünne Eis spüren, auf dem sich die freischaffenden Künstler bewegen. Somit ist eine langfristige vertragliche Perspektive ein starkes Argument, und danach nicht Ausschau zu halten, wäre fahrlässig. Die Gefahr, von der Sie sprechen, kann vor diesem Hintergrund schnell konkret werden.

Wäre langfristige Sicherheit das einzige Kriterium?
Nein, ebenso wichtig empfinde ich für eine Verlängerung meiner Arbeit hier die personelle Frage der Intendanz-Nachfolge. Die Verzahnung von Generalintendanz und GMD ist im Mehrspartentheater essenziell, da das Orchester in mindestens vier von fünf Sparten regelmäßig beteiligt ist: Konzert, Musiktheater, Ballett und Theaterpädagogik. Eine alte Theater-Weisheit besagt: Geht es dem Orchester gut, geht es dem Theater gut. Auch ist die Generalmusikdirektion die einzige Spartenleitung, die neben Planung, Administration und Proben ständig auf der Bühne steht. Wenn man ein prosperierendes Theater will, braucht es inhaltlichen Gleichklang mit der Theaterleitung und darüber hinaus die produktive Auseinandersetzung mit den von Ihnen genannten Gremien.

Irgendwann werden wir ja nach Corona wieder normale Verhältnisse haben. Auf was dürfen wir uns bei Wiedereröffnung freuen, wann immer sie auch kommt?
Ich kann verständlicherweise von den verschiedenen Planungsstrategien noch nichts verraten, zumal uns die gesetzlichen Rahmenbedingungen gerade zwangsläufig nur kurzfristig vorgegeben werden. Aber Darstellende Kunst muss ja nicht immer durch Opulenz überzeugen. Personelle Reduzierung auf der Bühne infolge der Abstandsregeln und intimere Formate können zu einer noch größeren persönlichen Verbindung des Publikums zu den Ausführenden führen und das Theater- und Konzerterlebnis sogar intensivieren. So werden wir uns mit unserer ganzen kreativen Kraft bemühen, für die Menschen wieder analog und live gemachte Kunst erlebbar zu machen.