Seniorenheime vor Problemen

Wenn am morgigen Samstag unter Umständen wegen mehrerer Bombenentschärfungen bis zu 17.000 Menschen in der Plauener Innenstadt ihre Domizile verlassen müssen, haben vor allem Pflegedienste und Altenheime ein echtes Problem: Wie soll man Senioren oder Behinderte klug betreut unterbringen? Die organisierten Regelungen stoßen auf Vorbehalte.

Von Ingo Eckardt

Plauen "Unverantwortlich". Dieses Wort fällt oft, wenn man sich mit Katrin Teuschler über die potenzielle Evakuierung am Samstag unterhält. In ihrem Pflegedienst betreut sie mit ihren Mitarbeitern nicht nur mobil zahlreiche Pflegebedürftige, sondern betreibt auch ein Betreutes Wohnen in der Bergstraße. "Von unseren neun Betreuten, sind sieben auf einen Rollstuhl angewiesen, dazu kommt eine Wachkoma-Patientin. Für diese Leute müssen wir nun alles Notwendige zusammenpacken - Windeln, Desinfektion, Bettunterlagen und vieles mehr. Voriges Jahr hatten wir das gleiche Szenario, damals mussten wir die Bewohner nur in das Hinterhaus umlagern - und selbst das hat für große Unruhe bei unseren sehr alten, kranken Bewohnern geführt. Es ist unverantwortlich, dass wir das diesmal nicht genauso regeln können. Wir müssen alle Bewohner in das neue Heim am Goetheplatz bringen", sagt Katrin Teuschler.
Fünf Senioreneinrichtungen müssen ihre Bewohner in dieses Heim bringen - neben dem genannten Betreuten Wohnen betrifft dies auch das Seniorenheim "Am Komturhof", die Seniorenresidenz in der Rädelstraße, den City-Wohnpark und das Betreute Wohnen des Pflegedienstes Mehlis.
Das betreute Wohnen des Pflegedienstes Teuschler & Enke ist die kleinste der betroffenen Senioreneinrichtungen, die vier Einzelzimmer mit entsprechend vier Betten und drei Notbetten beziehen wird. "Wir sind in Corona-Zeiten und stecken besonders gefährdete Senioren aus verschiedenen Einrichtungen jetzt in ein Haus. Das ist unverantwortlich", findet Kartin Teuschler und hofft, dass nicht im Zweifelsfall ein konstruierter Corona-Hotspot entsteht.
"Die gesamte Aktion bedeutet zudem für uns einen enormen Mehraufwand, wir müssen in jeder Schicht Zusatzpersonal einsetzen. Im mobilen Pflegedienst müssen alle Touren umgeplant werden - es sind ja quasi alle Verbindungen gekappt. Wir geben allen, die evakuiert werden ihre Medikamente oder Spritzen mit und setzen darauf, dass in den Notunterkünften Fachpersonal vor Ort ist, das diese Thematik der Pflege auf dem Schirm hat", so Katrin Teuschler.
So richtige Antworten auf entsprechende Nachfragen habe man nicht erhalten. So werde alles zu einer riesigen Herausforderung. Drei Dienstplan-Varianten habe man erarbeitet, für alle Fälle. "Irgendwie fühlen wir uns schon verarscht - die uns vorgelegte Karte des Evakuierungsgebietes stammt vom 18. Juni. Die wissen das seit Wochen, dass da Bomben liegen könnten und legen die ganze Aktion auf das erste Ferienwochenende, wo überall das Personal knapp wird", ist Katrin Teuschler genervt. Noch dazu, weil man den Seniorenbetreuern ans Herz gelegt habe, die Mindestabstände zu beachten. Sorge macht ihr zudem, dass sie unter der Hand bereits Informationen bekommen habe, dass sich das umfangreiche Szenario wiederholen könnte, wenn sich andere Verdachtsfälle, in der Hainstraße und an der Paul-Schneider-Straße, bewahrheiten würden.
Ein wenig entspannter ist Silke Schwabe, die Chefin des Diakonie-Seniorenheimes "Am Komturhof". "Unser Aufwand, den wir treiben müssen, ist natürlich sehr groß. Durch die frühzeitige Information, dass da eine Evakuierung anstehen könnte, hatten wir aber genug Vorlauf, um das gut vorplanen zu können. Wir haben das gut durchstrukturiert und eine stimmige Evakuierungsplanung gemacht, um in einer engen Zeitschiene die Leute in die Goethestraße bringen zu können", erzählt die Leiterin des Seniorenheimes. Insbesondere ist sie ihren Mitarbeitern dankbar, die sich sehr stark eingebracht hätten, um die Evakuierung der 71 betroffenen Senioren bestmöglich zu realisieren."Natürlich ist ein höherer Mitarbeitereinsatz notwendig", weiß Silke Schwabe, deren Senioren am Goetheplatz eine eigene Station belegen wird, was zwar in Corona-Zeiten eine große Herausforderung aber vermutlich kein Problem darstellen sollte. Noch ist es rund um das neue Altenpflegeheim am Goetheplatz einigermaßen ruhig - am Samstag könnte es passieren, dass hier rund 120 Senioren kurzfristig unterkommen müssen. Ob dabei alle Corona-Regeln eingehalten werden können, bezweifeln zumindest einige der Betroffenen.