Seismograph der Entwicklung sein

Plauen - "Anders leben" - unter diesem Motto steht die erste Spielzeit, die der designierte Generalintendant Roland May künstlerisch zu verantworten hat. Die einzelnen Inszenierungen stellte er gestern gemeinsam mit seinem ebenfalls ab August am Theater Plauen-Zwickau wirkenden Leitungsteam vor. Für den kaufmännischen Bereich wird Geschäftsführer Volker Arnold ab der Spielzeit 2009/2010 die Verantwortung tragen, als Schauspieldirektorin wird Brigitte Ostermann agieren, als Operndirektor Stefan Bausch. Als künftige Mitarbeiterin des Generalintendanten wurde Caroline Eschenbrenner vorgestellt.

  48 "neue Gesichter"   Alle in den Spielplan aufgenommenen Stücke sollen das Jubiläum der Wende vor zwei Jahrzehnten in der einen oder anderen Form reflektieren. "Es geht um Umbruch, Revolution, Veränderung in Lebensläufen", umreißt May den Anspruch von "anders leben". Ergänzend zu den Aufführungen im Musik- und Tanztheater sowie dem Schauspiel will man sich mit Lesungen, Konzerten und Disksussionen dem Thema nähern.

Seine in den letzten Wochen viel diskutierte Personalpolitik lässt May nicht außen vor, geht in die Offensive. Allein im Leitungsbereich beginne man die Saison mit zehn neuen Leuten. Insgesamt seien 36 Verträge nicht verlängert worden, an 48 neue Gesichter wird sich das Publikum gewöhnen müssen. Drei Sänger werden im Musiktheater verbleiben, fünf neue kommen hinzu.

Im Sprechtheater verstärkt sich Direktorin Ostermann mit zwölf neuen Schauspielern, lediglich vier "bekannte Gesichter", die mehrheitlich aufgrund ihres Alters unkündbar sind, werden auch in der kommenden Spielzeit auf den Brettern stehen. Die fünf verbleibenden Künstler des Tanztheaters, künftig unter Leitung von Torsten Händler, werden durch acht "Neuzugänge" verstärkt.

Änderungen auch im Bereich der Ausstattung der Stücke. Einzig fest engagierter Ausstatter wird künftig der Schweizer Philipp Kiefer sein. Ein komplettes Jahr ohne auskommen will man zunächst auch in Sachen Generalmusikdirektor. Vier Kandidaten stehen in der engeren Auswahl, jeder wird zunächst ein anspruchsvolles Sinfoniekonzert dirigieren. Und auch die Stelle des 1. Kapellmeisters ist vakant.

  Höhe der Abfindungen unklar   Relative Planungsunsicherheit auch in der Sparte Puppentheater, wo ein Nachfolger für den im Februar in den Ruhestand gehenden Schulz gesucht wird. In welcher Höhe sich die Abfindungen bewegen, hängt von der Zahl jener Ex-Kollegen ab, die ein neues Engagement erhalten, frühestens im Herbst könne man mit konkreten Zahlen aufwarten, sagt der "Kaufmännische" Volker Arnold auf Nachfrage. Um dem Orchester innerhalb des Hauses einen größeren Stellenwert einzuräumen und es auch nach außen entsprechend zu präsentieren, ist man auf der Suche eines Orchestermanagers, wie das in anderen Häusern längst üblich sei, ergänzt Operndirektor Bausch.

Von einer personellen Zäsur, die sich auch inhaltlich widerspiegeln wird, spricht May und leitet zum Credo des (fast) neuen Ensembles über: "Wir verstehen uns als Gegenwartstheater, das die Stücke auf brisante Themen der Gegenwart abklopft, als Seismograf der Entwicklungen".

  31 Premieren in neuer Spielzeit   Ein Blick auf den noch provisorischen Spielplan weist 31 Premieren und 27 Konzerte aus. Gleich vier Premieren, jeweils in Plauen und Zwickau, wird es am zweiten Oktoberwochenende geben. Am 9. Oktober hebt sich in Zwickau, am 11. Oktober in Plauen der Vorhang zur Oper "Wilhelm Tell" von Gioachino Rossini. Das Tanztheater präsentiert sich an jenem Wochenende mit "Das Haus. Ein Wändestück" von Torsten Händler. Das Schauspiel bereitet sich auf dieses Mammut-Wochenende mit Büchners Drama "Dantons Tod" vor und das Puppentheater probt "Bis Denver" von Oliver Bukowski.

  "My Fair Lady" open air   Als weitere Premieren in der Sparte Musiktheater stehen das Musical "Irma la Douce", Verdis Oper "La Traviata", Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt", Schumanns als äußerst schwierig zu spielende Oper "Genoveva" und - am 25. Juni 2010 im Parktheater - die schon Generationen ins Theater lockende "My Fair Lady" an. Der Anziehungskraft von Open Air-Theaterspektakeln will das neue Team mit gleich zwei Veranstaltungen unter freiem Himmel Rechnung tragen: Am 13. August nächsten Jahres wird Jules Vernes legendäre Geschichte "In 80 Tagen um die Welt" Premiere haben.

 

Ob dann auch das bei den Plauenern und deren Gästen beliebte "Rundum-Spektakel", die Einbeziehung des gesamten Parktheater-Geländes in das Spielgeschehen, stattfinden wird, ist eher fraglich. Noch befinde man sich in der Planungsphase, auch finanzieller Art, so May. Aber um auch den Zwickauern das besondere Ambiente einer Open-Air-Inszenierung bieten zu können, wolle man die Freilichtbühne am Schwanenteich reaktivieren.

  Tolerieren oder honorieren   Während sich das Schumann-Jahr 2010 in erster Linie in der Opernauswahl, in Konzerten, Tanz und szenischen Lesungen widerspiegelt, will das Team um May unter dem Stichwort "Extras" eine neue Veranstaltung ins Leben rufen: "Nachtschicht". Ein Mal monatlich sollen Künstler aller Sparten zu später Stunde die schrägeren Windungen ihrer Gehirne öffnen um zu improvisieren, sich und ihren Körper auszuprobieren. Erlaubt ist dabei von philosophisch bis trashig alles, was im Wortsinne gefällt.

Und noch etwas ist den neuen Machern wichtig: Man möchte das Ensemble auch vermehrt "in die Welt" schicken, Stichwort Gastspiele. Im Gegenzug werden sich Künstler und Regisseure aus dem gesamten Bundesgebiet in Plauen beziehungsweise Zwickau präsentieren.

"Anders leben" - das bezieht sich auch auf die künftige Arbeit der Theaterpädagogen. Anstelle von Uwe Fischer werden sich mit Beginn der neuen Spielzeit Anja Bausch, Steffi Liedtke und Iris Kleinschmidt um das Interesse der Jüngsten fürs Theater kümmern. Für Jugendliche ab 13 Jahre soll in beiden Städten ein Theaterjugendclub etabliert werden, sowie ein Theaterspielclub für Großeltern und Enkel. Der von Ute Menzel geleitete Kindertheaterclub in Kooperation mit dem Kinderschutzbund bleibe erhalten, so May. Ob das Publikum die Absichten des neuen Teams nur toleriert oder auch honoriert - die nächste Spielzeit wird es zeigen.