Schweigen macht nachdenklich

Plauen - Die Firma pleite, das Haus zur Versteigerung, die Ehefrau untreu, die Tochter ungewollt schwanger.

 

"Ein bisschen viel an Unglück auf einmal", urteilt eine junge Theaterbesucherin gegenüber ihrem Begleiter, während sie sich von der Garderobenfrau den Mantel reichen lässt. "Aber doch denkbar bei uns, in der vogtländischen Provinz", kontert der Plauener darauf.

 

Nach zwei Stunden Premierenvorstellung von "Schneemond" am Samstag im Vogtland Theater hat es der Dramatiker Christian Martin erreicht, dass wohl keiner mit leerem Kopf das Theater verlässt, sich das Publikum vielmehr mit dem Stück auseinandersetzt, dass man diskutiert, sich mit den Figuren identifiziert, mit einem "hätte" oder "wäre" womöglich nach Lösungen und Auswegen suchte aus dem Dilemma, in das Martin seinen Protagonisten Tischlermeister Anton Kantl hineingesetzt hat.

Wem ging es noch mal genauso wie dem Kantl? Die erschreckende Authentizität der Handlung mit dem wahren Leben ist es, die einem die Sprache verschlägt. Erzählt wird im zweiten Teil der "Trilogie der verlorenen Sehnsucht" von dem Ort Hundsgrün, der samt seiner Bewohner auf den "Hund gekommen" ist. Jahre nach der "Wende" gibt es dort keine "blühenden Landschaften". Stellvertretend am Schicksal Kantls zeichnet Martin die Folgen von Globalisierung und Innovationszeitalter im ländlichen Raum auf: die Menschen verlieren ihre Arbeit, über die sie sich identifizierten, Familien brechen auseinander, junge Menschen suchen ihr Heil in der Großstadt oder im Ausland, was zu Bevölkerungsmangel und Leerstand führt, denn zurück bleiben nur die Alten.

 

In 28 Szenen gepackt, gelingt es Regisseur Roland May überaus treffend, die Botschaft des Autors auf das Publikum zu projizieren. So knapp die Sprache des Dramatikers, so komprimiert das Bühnenbild von Oliver Kostecka, zurückhaltend die Musik. Hier gibt es keine Schnörkel - und das tut gut. Oft deucht es den Zuschauer, dass Schweigen mehr ist, als das Wort. Es wird geschrieen, geflucht, verzweifelt gelacht, gebetet - aber auch geschwiegen, Szenen, ausdrucksvoll und spannend, an denen die Schauspieler hohen Anteil tragen.

Johannes Lang überzeugt in der tragischen Figur des Tischlermeisters - zu Hochform läuft er in der Kneipen-Szene auf, verzweifelt und nahe dem Wahnsinn auf dem Tresen tanzend ("Am Anfang und am End sind wir alle zam gleich"). Ebenso wie Ute Menzel, die mit Oma Kantl für Tradition und das Bewahren des dörflichen Lebens steht - am Ende ist der Figur ein einsames Dasein im Altenheim beschieden. Großes Lob dem Narr Dalli, gespielt von Sebastian Ganzert, einer großartigen Rahmenfigur, die sich durch irren Wortwitz durch die Trilogie spielt. Kalt, berechnend, den marktwirtschaftlichen Werten gut angepasst, spielt Else Hennig Ehefrau Gabi.

Eine gelungene Bandbreite von frischer Jugend, beseelt vom Leben in Erfolg und Anerkennung, bis hin zu tiefer Verzweiflung, gibt Angelina Häntsch als Tochter Ria. Und dann Tischlergeselle Joe (David Moorbach). Ihm gelingt es als einziger auszubrechen aus dieser Welt des Verfalls. Ob Amerika ihm die große Freiheit und seiner Harley den Auslauf bringen wird? Mit diesem Stück Hoffnung lässt Autor Christian Martin vieles offen. Ein sehr empfehlenswertes Schauspiel für alle, denen Gesellschaftskritisches nicht fremd ist - und für jene, denen der geschärfte Blick für Missstände in unserem Alltag abhanden gekommen ist.  cze