"Schutzgesetz bietet keinen Schutz"

Mit einem Workshop hat der Karo-Verein das Projekt "Streetwork und Gesundheitsfürsorge für Prostituierte in Plauen und Umgebung" beendet. Wie gefährlich Prostituierte leben zeigt ein aktuelles Beispiel.

Von Ingo Eckardt

Wie brutal eine "Prostituiertenkarriere" enden kann, habe man erst Ende August in Plauen erlebt. Mitarbeiter des Karo-Vereins konnten eine Klientin nicht mehr kontaktieren und auch der Vermieter in der Hammerstraße, eine verzweigte Immobiliengesellschaft, habe die Frau nicht erreicht. Als schließlich die Polizei die Wohnung in der Hammerstraße öffnete, fand man die 45-Jährige tot auf - "Fremdverschulden nicht ausgeschlossen", zitiert Cathrin Schauer-Kelpin die Polizeibehörden.


Drei Jahre lang hatte die junge Sozialarbeiterin Hannah Drechsel ein Projekt geleitet, bei dem es um die gesundheitliche Situation Prostituierter ging. "Coronabedingt hatten wir einige Absagen, aber unsere Netzwerkpartner aus Polizei, Gesundheitsämtern und anderen Behörden sind gern gekommen", sagte Cathrin Schauer-Kelpin, die Chefin des Karo-Vereines, der sich seit vielen Jahren der Prostituiertensozialarbeit im deutsch-tschechischen Grenzraum widmet und in Plauen die Babyklappe betreibt. Leider seien lokale Player nur selten unter den Teilnehmern im Projekt gewesen. "Das Thema ist im Vogtland wenig präsent, obwohl es die Auswüchse der Szene ja auch hier bei uns gibt", sagt Cathrin Schauer-Kelpin. Unterstützung gibt ihr in dieser Argumentation Helmut Sporer. Der ehemalige Polizist mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich Menschenhandel und Prostitution kennt die politische Tragweite des Themas. "Die Prostitution ist seit Jahren nicht mehr im Fokus. Durch Corona ist das jetzt wieder aufgeploppt, weil die Prostitution ja derzeit untersagt ist", so Sporer.


Karo-Frontfrau Schauer-Kelpin betonte, dass man in Plauen keine echte Bordell-Landschaft habe. Prostitution finde hinter der bürgerlichen Fassade normaler Wohnhäuser statt, die oft heruntergekommen seien. Hier gingen vor allem osteuropäische Frauen anschaffen, um die Wuchermieten für ihre kleinen Wohnungen (nicht selten 300 bis 400 Euro pro Woche) bezahlen zu können - "Elendsprostitution", sagt Schauer-Kelpin.


Hannah Drechsel betonte, dass man derzeit verstärkt auf einschlägigen Portalen wieder die Anzeigen der Plauener Prostituierten finden kann. Das Dunkelfeld sei riesig. Man kenne um die 25 Wohnungen, in denen verschieden viele Mädchen anschaffen gingen. "Durch Corona ist da vieles komplett in die Illegalität abgerutscht", sagt die Projektleiterin, die betont, dass kaum eine Frau ihren Körper verkauft, weil sie das selbst will. "Die Männer, die dahin gehen, glauben oft tatsächlich, dass den Frauen ihr Job gefällt oder glauben, dass sie sich mit Geld das recht kaufen können, mit der Frau zu tun, was sie wollen", so Hannah Drechsel.


Dabei springt ihr der versierte Frauenarzt und bundesweit gefragter Partner in ethischen Fragen rund um Prostitution, Wolfgang Heide, zur Seite: "Auch wenn das gesetzlich vorgeschrieben ist, sind viele nicht krankenversichert. Alle diese Frauen plagen sich mit Unterleibsschmerzen, können sich wegen der horrenden Mieten für ihre Zimmer und die Abgaben an ihre Zuhälter oft nicht mal eine Packung Ibuprofen-Schmerzmittel in der Apotheke kaufen."


Auch Ex-Polizist Sporer hat so seine Erfahrungen: "Die Osteuropäerinnen haben oft nicht mal das Geld, sich eine Fahrkarte zurück in ihre Heimat zu kaufen. Keiner kritisiert die Wuchermieten und geht dagegen vor. Es gibt keine Trennung von Wohn- und Arbeitsraum, wie im Gesetz vorgeschrieben - aber es interessiert keinen. Und bezüglich der Mädchen in der Branche: Es gibt kaum Verfahren zu Menschenhandel und Zwangsprostitution. Aber nicht, weil es das nicht gäbe, sondern weil die Frauen in totaler Angst um ihr Leben und das ihrer Familien in den Heimatländern leben. Aussteigerinnen und ihre Familien werden bedroht. Es gibt dieses Zerrbild in der Öffentlichkeit, dass taffe Frauen in der Prostitution gern ihr Geld verdienen. Das sind aber nur die drei Prozent Luxus-Huren, die man da wahrnimmt. Im Alltag sind prostituierte meist schwache, unselbstständige Frauen, die leicht zu manipulieren sind." Gynäkologe Heide bestätigt diese Aussage und kritisiert gleichzeitig die aktuelle Rechtslage. Das Prostituierten-Schutzgesetz sei das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben stehe. "Es gibt in Deutschland klare Regeln, wann eine schwangere Frau eine Tätigkeitsuntersagung erhält. Im Gesetz für prostituierte steht, dass sie bis zur 34. Schwangerschaftswoche arbeiten darf. Ich kenne Fälle, in denen regelrechte Schwangeren-Gangbang-Partys stattgefunden haben. Diese Frauen werden in ihrer Notlage missbraucht. Das darf man nicht schön reden", ist Heide deutlich


Helmut Sporer ist bekennender Fan der "nordischen Modells", in dem Prostituierte straffrei bleiben, die Freier jedoch belangt werden. "Das Prostituierten-Schutzgesetz bietet eben keinen Schutz. Ich erlebe seit Jahrzehnten, wie man immer wieder versucht, das Thema zu regeln und zu reformieren. Es ist nicht besser geworden. Schweden macht es uns doch vor. Hier gilt das Prostitutionsverbot und die Strafbarkeit beim Versuch, Sex zu kaufen. "Wir würden 80 Prozent des Sexsumpfes auf einen Schlag trocken legen", glaubt Sporer.


"Letztlich ist Prostitution nichts anderes als Vergewaltigung", wählt Cathrin Schauer-Kelpin einen harten Vergleich, wird teilweise von Aussteigerin Ronja bestätigt. Die 34-Jährige ist seit drei Jahren raus aus der Szene, ging mit zwei Unterbrechungen von je zwei Jahren, als sie feste Beziehungen hatte, elf Jahre lang "auf den Strich". "Man braucht die Illusion, dass man das selbst machen will, sonst kommt man der Scham nicht bei, sonst zerbricht man. Die meisten Freier wissen, dass die Frauen gezwungen sind, ihren Körper zu verkaufen", berichtet die junge Frau, die seit Anfang des Jahres in der Ausstiegsarbeit für Prostituierte arbeitet.


Kern des Problems sei die untaugliche Gesetzesgrundlage, die Prostitution salonfähig gemacht habe, wie Cathrin Schauer-Kelpin betont: "Es gibt im Ausland touristisches Marketing für deutsche Bordelle unter dem Motto ‚All you can fuck‘."