"Schnelles Internet 20 Jahre zu spät"

Alexander Heidenreich gehört zu den Stammvätern des Chaos Communication Congress, der noch bis Montag auf dem Leipziger Messegelände stattfindet. Wie viel Stunden er dabei mit Schlafen verbringt, weiß der 48-Jährige aus Plauen auch diesmal noch nicht.

Von Torsten Piontkowski

Plauen/Leipzig "Schickt Du mir bitte noch ein Bild über WhatsApp?" - Schon die erste Frage unseres Telefongespräches entlarvt mich als Greenhorn. "WhatsApp findet bei uns nicht statt" sagt Alex - auf diese Anrede haben wir uns schnell verständigt. "Das ist eine Firma und jede Firma will doch was verkaufen, oder nicht? Die verlangen aber keine Gebühren. Was also verkauft diese Firma? - Dich!" Okay, ich bekomme meine Fotos von Alex also per Mail.
Den Chaos Communication Congress gibt es seit 1984. Alexander Heidenreich ist seit 1990 dabei, als sich auch die ersten Ossis in die Szene begaben. Genauer gesagt schon 1989, denn wenn alle Kongress-müde sind, zwischen den Feiertagen, beginnt für die Mitglieder der Chaos Computer Clubs ihr Jahres-Event. Diesmal vom 27. bis 30. Dezember, also vier Tage, wie sich unschwer nachrechnen lässt. Falsch: Denn da die Community ihrem Klischee vollauf gerecht wird, mit wenig Schlaf, Hektolitern Cola und Fastfood durch die Nächte zu kommen, kann man eigentlich von einem achttägigen Congress reden.
Meine nächste unbedarfte Frage nimmt Alex schon gelassener. Nein, er ist nicht allein aus dem Vogtland angereist, denn schließlich gibt es in Plauen sogar einen Hacker-Club. Aus der Spitzenstadf ist er mit einem Kumpel nach Leipzig gereist, insgesamt sind sie neun Leute aus dem Vogtland. Alex hat seine erste Schicht schon hinter sich, bevor es richtig losging. "Wir gehören zu den Organisatoren und haben mit aufgebaut." Zum Schlafen geht es für ihn und viele andere nicht in eines der vielen Hotels der Messestadt, die die Preise, wie bei anderen Kongressen auch, nach oben geschraubt haben. "Wir sind aber nicht irgendeine Messe, sondern ein gemeinnütziger Verein. Anders als in Berlin oder Hamburg kümmert das die Leipziger aber nicht", macht Ales seinem Unmut Luft. Man habe sie erstmals vor drei Jahren darauf hingewiesen, getan aber habe sich nichts. Deshalb tage der Congress möglicherweise letztmals in Leipzig. "Kurzzeitiges Denken führt zu Verlust", bringt Alex das Herangehen der Hotels auf den Punkt.
Diesmal hat man sich mit einem Campingplatz direkt neben dem Messegelände beholfen. Der ist rappelvoll, aber Alex hat für seinen Wohnwagen noch ein Plätzchen gefunden.
Also gut, die Community besteht fast restlos aus jungen Wilden, die sich ausschließlich in Fachchinesisch verständigen und etwas tun, was Otto Normalverbraucher für mindestens bedenklich hält: Sie hacken. Für die Widerlegung all dieser Vorurteile muss Alex erst mal Luft holen. Das Klischee mit den jungen Leuten stimmt - allerdings vor 20 Jahren. "Da hast du hier auch noch keine Frauen oder Kinder gesehen." Inzwischen finde man hier alles - vom Baby bis zum Rentner, Kinder und Enkelkinder. "Die Leute die zur Crew gehören sind alle in meinem Alter und älter", grinst der 48-Jährige. "Der Kern kennt sich. Aber wir versuchen uns zu öffnen, um neue Einblicke zu erhalten, neue Ideen, neue Einsichten. Schließlich geht es nicht nur um Computer, sondern um unsere Gesellschaft, um unsere Umwelt." Das es sich dabei nicht um Floskeln handelt, beweist das diesjährige Motto: "Resource Exhaustion" - "erschöpfte Ressourcen". Hacker meinen damit zweierlei: zum einen eine Angriffsmethode auf IT-Systeme, die Anwendungen zum Absturz bringen kann, zum anderen, so Alex, "wollen wir darauf hinweisen, wie wir mit unserem Planeten umgehn." Wer das erste Mal teilnehme wundere sich oft, welches Gewicht wir diesen Themen beimessen. "Es geht um politische, gesellschaftliche und Umweltthemen, der Rest ist Technik. Die Leute verstehen immer mehr, dass das alles Hand in Hand geht."
"Computer ziehen immer auch gesellschaftliche Veränderungen nach sich, auf die die Politik in den meisten Fällen nicht vorbereitet ist." Kanzlerin Merkel habe 2012 erstmals von notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen im Computerzeitalter gesprochen, das habe auf dem CCC schon 1989 eine Rolle gespielt. Für Alex ist klar: "In großen Bereichen der Politik herrscht Einfalt, findet man keinerlei Bezug, wie sich Technik und Gesellschaft gegenseitig beeinflussen. Und deshalb kommt für ihn auch der Ausbau des so genannten "schnellen Internets zu spät "Das hätten wir vor 20 Jahren tun sollen. Jetzt jubeln wir über Geschwindigkeiten, die seit zehn Jahren internationaler Standard sind." "China", ist Alex überzeugt, "ist uns 20 Jahre voraus." Das Internet dort wesentlich freier und besser ausgebaut. Und was ist mit dem Vorwurf, dass im Reich der Mitte Millionen Menschen bevormundet, überwacht werden? "Die Mechanismen sind ähnlich", sagt Alex, "nur dass in westeuropäischen Ländern die Terrorismusbekämpfung für Lauschangriffe auf die Bürger als Begründung herhalten muss. Sein Fazit: "Wir sind international längst abgehängt und das wird der Wirtschaft schwer schaden."
Die "Amtssprache" auf dem CCC sei übrigens Englisch, bestätigt Alex, der in Plauen eine kleine IT-Security-Firma betreibt. Die sei aber so gut wie unbekannt und habe hier auch keine Kunden, grinst der Inhaber. "Liegt daran, dass gutes Personal hier nicht mal ansatzweise adäquat bezahlt wird", fügt er freimütig an, bevor er sich wieder ins Gewimmel begibt und Teil wird von 15.000 "Nerds" - die längst keine im herkömmlichen Sinne mehr sind - und deren Besuchern.